Russland

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Russland
Russische Förderation

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RuŐ£ss|land; -s:
1. nicht amtliche Bez. f√ľr: Russische F√∂deration; Staat in Osteuropa u. Asien.
2. (fr√ľher) nicht amtliche Bez. f√ľr: Sowjetunion.

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I
RuŐ£ssland,
 
 
 
Fläche: 17 075 400 km2
 
Einwohner: (2001) 144,8 Mio.
 
Hauptstadt: Moskau
 
Amtssprache: Russisch
 
Nationalfeiertage: 9. 5., 12. 6. und 7. 11.
 
Währung: 1 Rubel (Rbl) = 100 Kopeken
 
Zeitzone: 14¬ļ¬ļ Moskau = 12¬ļ¬ļ MEZ
 
RuŐ£ssische F√∂deration, Abk√ľrzung RF, RuŐ£ssl√§ndische F√∂deration, russisch RossiŐ£jskaja FederaŐ£zija, Staat in Osteuropa und Nordasien (Sibirien und Ferner Osten), mit 17 075 400 km2 gr√∂√üter Staat der Erde, (2001) 144,8 Mio. Einwohner, Hauptstadt ist Moskau. Russland ist Mitglied der Gemeinschaft Unabh√§ngiger Staaten (GUS). Das Land grenzt im Nordwesten an Norwegen, Finnland, Estland und Lettland sowie mit der Exklave des Gebietes Kaliningrad (das ehemalige n√∂rdliche Ostpreu√üen) an Litauen und Polen; im √∂stlichen S√ľden grenzt es an die Republik Mongolei, an China und am Japanischen Meer auf wenigen Kilometern an Nord-Korea. Im westlichen S√ľden wird Russland von Wei√ürussland und der Ukraine, im S√ľden von Georgien und Aserbaidschan (im Kaukasus) sowie von Kasachstan begrenzt. Die Amtssprache ist Russisch. W√§hrung: 1 Rubel (Rbl) = 100 Kopeken. Russland erstreckt sich √ľber 11 Zeitzonen; die westlichste (Kaliningrader Zeit) geht der MEZ 1 Stunde, die √∂stlichste (Anadyrzeit) 11 Stunden voraus.
 
 Staat und Recht:
 
 
Nach der durch Referendum vom 12. 12. 1993 angenommenen Verfassung (in Kraft seit 25. 12. 1993) ist Russland eine Republik mit pr√§sidial-parlamentarischem Mischsystem; die starke Position des Pr√§sidenten ist zum Teil dem US-amerikanischen Modell angen√§hert. Die Konstitution bezeichnet Russland als demokratischen, f√∂derativen und sozialen Rechtsstaat. Nationalit√§tenprobleme sollen in erster Linie mit Mitteln des Regionalismus gel√∂st werden. √úber die Einhaltung der Grundrechte wacht seit 1997 ein Menschenrechtsbeauftragter (von der Staatsduma f√ľr f√ľnf Jahre gew√§hlt).
 
Staatsoberhaupt ist der mit weitgehenden Vollmachten ausgestattete Pr√§sident der Republik (f√ľr vier Jahre direkt gew√§hlt; nur einmalige unmittelbare Wiederwahl zul√§ssig). Im ersten Wahlgang ist die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erforderlich, der zweite Wahlgang dient als Stichwahl. Der Pr√§sident bestimmt die Richtlinien der Politik, kann in Kabinettssitzungen jederzeit den Vorsitz √ľbernehmen, verf√ľgt √ľber eine personalstarke Pr√§sidialverwaltung und leitet die Au√üen- und Sicherheitspolitik (die Ressorts Ausw√§rtiges, Verteidigung, Inneres, Sicherheitsdienste sind ihm unmittelbar unterstellt). Er ist Oberbefehlshaber der Streitkr√§fte sowie Vorsitzender des Sicherheitsrats und best√§tigt die Milit√§rdoktrin, ihm obliegen ma√ügebliche Notstandsbefugnisse. Auf die Gesetzgebung kann er mittels Initiativrechts und Vetobefugnis einwirken. Zur Zur√ľckweisung seines Vetos bedarf es einer Zweidrittelmehrheit in beiden H√§usern des Parlaments. Er hat ein gegenst√§ndlich unbegrenztes Verordnungsrecht f√ľr alle Gebiete, die nicht bereits durch Gesetze geregelt sind. In der Praxis wird der gr√∂√üte Teil der Rechtsetzung √ľber Pr√§sidialerlasse (Ukas) abgewickelt. Der Pr√§sident kann nur dann vom F√∂derationsrat seines Amtes enthoben werden, wenn eine Anklage der Staatsduma wegen Hochverrats oder anderer schwerer Verbrechen durch das Oberste Gericht best√§tigt wird. Der Regierung obliegen v. a. die Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die Leitung der Bundesverwaltung. Der Pr√§sident ernennt mit Zustimmung der Staatsduma den Ministerpr√§sidenten und auf dessen Vorschlag die Mitglieder des Kabinetts. Wird der designierte Regierungschef dreimal hintereinander abgelehnt, so ernennt der Pr√§sident seinen Kandidaten trotzdem und l√∂st zugleich die Staatsduma auf. Die Staatsduma kann der Regierung mit absoluter Mehrheit das Misstrauen aussprechen, doch erst wenn das innerhalb von drei Monaten wiederholt geschieht, muss sich der Pr√§sident entscheiden, ob er die Regierung entl√§sst oder die Staatsduma aufl√∂st.
 
Gesetzgebendes Organ ist die aus zwei H√§usern (Staatsduma und F√∂derationsrat) bestehende F√∂deralversammlung (Federalnoje Sobranije). Die Staatsduma (Gossudarstwennaja Duma; Legislaturperiode vier Jahre) setzt sich aus 450 Abgeordneten zusammen. Laut Wahlgesetz vom 21. 6. 1995 werden sie zur H√§lfte nach der relativen Mehrheitswahl in Einzelwahlkreisen (Mindestwahlbeteiligung 25 %) beziehungsweise nach der Verh√§ltniswahl auf Bundesebene gew√§hlt. F√ľr die 225 Listenmandate besteht eine 5 %-Sperrklausel. Im F√∂derationsrat (Sowjet Federazii; 178 Mitglieder) ist jedes F√∂derationssubjekt durch zwei Repr√§sentanten vertreten. Im Gesetzgebungsverfahren kommt der Staatsduma das √úbergewicht zu. Einfache Gesetze werden von der Staatsduma mit absoluter Mehrheit beschlossen und kommen dann zustande, wenn der F√∂derationsrat mit absoluter Mehrheit zustimmt oder sich binnen 14 Tagen nicht mit der Vorlage befasst; eine Befassungspflicht besteht nur f√ľr Finanz-, Vertrags- und Grenzgesetze. Lehnt der F√∂derationsrat die Vorlage ab, wird ein Vermittlungsverfahren eingeleitet, nach dessen Scheitern die Staatsduma das Gesetz mit Zweidrittelmehrheit trotzdem beschlie√üen kann. Bestimmte Materien m√ľssen durch Verfassungs-Gesetz geregelt werden, das in der Staatsduma einer Zweidrittelmehrheit und im F√∂derationsrat einer Dreiviertelmehrheit bedarf. Die Verfassung selbst kann nur in einem sehr aufwendigen Verfahren ge√§ndert werden.
 
Gem√§√ü Verfassung sind alle 89 F√∂derationssubjekte gleichberechtigt, die Staatsqualit√§t mit den daraus folgenden Konsequenzen (eigene Verfassung, Staatsangeh√∂rigkeit, Staatssprache) wird jedoch nur den Republiken zugesprochen. Durch bilateralen Staatsvertrag kann von der verfassungsm√§√üigen Kompetenzordnung abgewichen und der Weg zu einem asymmetrischen F√∂deralismus beschritten werden, was zahlreiche Republiken und (russische) Gebiete auch getan haben. Die Aufteilung der Zust√§ndigkeiten zwischen F√∂deration und F√∂derationssubjekten ist √§u√üerst vage. Die Gesetzgebungshoheit liegt schwerpunktm√§√üig bei der F√∂deration, die f√ľr bestimmte Materien die Kompetenz zur ausschlie√ülichen beziehungsweise konkurrierenden Gesetzgebung besitzt, w√§hrend die generelle Zust√§ndigkeitsvermutung f√ľr die F√∂derationssubjekte spricht. - Seit 2000 sind den 89 F√∂derationssubjekten sieben f√∂derale Kreise als neu geschaffene administrative Einheiten √ľbergeordnet. √úber die neuen Gebietseinheiten, an deren Spitze vom Pr√§sidenten ernannte und ihm politisch verantwortliche Gebietsbevollm√§chtigte stehen, sollen die Einheit der F√∂deration garantiert und die Durchsetzung der f√ľr die F√∂deration erlassenen Gesetze in den Regionen kontrolliert werden. Bestandteil der im Juni/Juli in mehreren Schritten von der Staatsduma verabschiedeten und am 7. 8. 2000 durch den Pr√§sidenten in Kraft gesetzten Verwaltungsreform ist die gesetzliche Neuregelung der Besetzung des F√∂derationsrates. Sie hebt die bisherige Praxis auf, die den Gouverneuren und Pr√§sidenten der 89 F√∂derationssubjekte in Person einen Sitz im F√∂derationsrat zusicherte und legt f√ľr die Zukunft (erstmals 2002) ein Verfahren fest, nach dem die beiden F√∂derationsratsmitglieder jedes F√∂derationssubjekts wie folgt zu bestimmen sind: ein Mitglied ernannt durch Gouverneur beziehungsweise Pr√§sident des F√∂derationssubjekts, ein Mitglied gew√§hlt durch das regionale Parlament.
 
In der Verfassung und dem darauf beruhenden Verfassungsgerichtsgesetz vom 21. 7. 1994 ist die Rechtsstellung des bereits 1991 errichteten Verfassungsgerichts neu geregelt worden. Die nunmehr 19 Richter werden f√ľr 12 Jahre auf Vorschlag des Pr√§sidenten vom F√∂derationsrat gew√§hlt (Wiederwahl unzul√§ssig). Die Kompetenzen des Verfassungsgerichts erstrecken sich v. a. auf abstrakte und konkrete Normenkontrollen, f√∂derative und Organstreitigkeiten sowie Individualbeschwerden.
 
Parteien:
 
Das Parteiensystem war bis in die j√ľngste Zeit stark aufgef√§chert; die Parteien sind in der Regel durch einzelne F√ľhrungspersonen dominiert und auf diese fixiert. Die einflussreichsten Parteien und politischen B√ľndnisse sind die ¬ĽKommunistische Partei der Russischen F√∂deration¬ę (KPRF; 1993 konstituiert als gr√∂√üte Nachfolgeorganisation der KP Russlands), die Partei ¬ĽEinheit¬ę (russisch ¬ĽJedinstwo¬ę, gegr√ľndet 1999 als Wahlb√ľndnis zur Unterst√ľtzung der Politik W. W. Putins) und das Mitte-links-B√ľndnis ¬ĽVaterland - Ganz Russland¬ę (OWR, 1999 entstanden als Zusammenschluss der Partei ¬ĽVaterland¬ę [russisch ¬ĽOtetschestwo¬ę] und der Bewegung ¬ĽGanz Russland¬ę). Ende 2001 schlossen sich ¬ĽEinheit¬ę und ¬ĽVaterland - Ganz Russland¬ę zur neuen Partei ¬ĽEinheit und Vaterland¬ę zusammen. Daneben spielen eine Rolle: die Reformparteien ¬ĽUnion rechter Kr√§fte¬ę (SPS; konservativ) und ¬ĽJabloko¬ę (liberal), beide marktwirtschaftliche Strukturen und politischen Reformen einfordernd, die radikal-nationalistische Liberaldemokratische Partei (LDPR) und die Mitte-rechts-Partei ¬ĽUnser Haus - Russland¬ę (NDR, gegr√ľndet 1995 als Wahlb√ľndnis).
 
 
Das seit Ende 1993 geltende Staatswappen zeigt auf rotem Grund einen goldenen doppelk√∂pfigen Adler, der mit den drei historischen Kronen Peters des Gro√üen geschm√ľckt ist und in den Klauen Zepter und Reichsapfel h√§lt. Auf der Brust ist der Adler mit einem Schild belegt, auf dem der heilige Georg den Drachen t√∂tet.
 
Nationalfeiertage:
 
Nationalfeiertage sind der 9. 5. (Tag des Sieges), der 12. 6. (Unabhängigkeitstag) und der 7. 11. (Tag der Oktoberrevolution).
 
 
Zur Russischen F√∂deration geh√∂ren (1997) 89 F√∂derationssubjekte: 21 Republiken, 6 Regionen (Kraj), 49 Gebiete (Oblast), zwei bundesunmittelbare St√§dte (Moskau, Sankt Petersburg) sowie ein autonomes Gebiet und 10 autonome Kreise (Okrug). Den 89 F√∂derationssubjekten wurden im Mai 2000 durch ein Dekret des Pr√§sidenten und nachfolgende Gesetzesinitativen sieben f√∂derale Kreise, deren Grenzen den Milit√§rbezirken entsprechen, √ľbergeordnet. Die Republiken haben 1992-95 eigene Verfassungen verabschiedet und unterschiedliche Regierungssysteme pr√§sidentieller Ausrichtung etabliert. Die √ľbrigen F√∂derationssubjekte haben damit begonnen, ihren Verwaltungsaufbau durch Satzung zu regeln; auch hier ist eine starke Stellung der Verwaltungschefs (seit 1996/97 direkt gew√§hlt, vielfach als Gouverneur bezeichnet) charakteristisch. Die T√§tigkeit der Verwaltungschefs wird durch bevollm√§chtigte Vertreter des Staatspr√§sidenten √ľberwacht. Bei der Ausgestaltung der Selbstverwaltung auf lokaler Ebene (z. B. Landkreise [Rajon], kreisfreie St√§dte) haben die F√∂derationssubjekte breiten Spielraum. Das Gesetz √ľber die √∂rtliche Selbstverwaltung vom 28. 8. 1995 sieht f√ľr jede kommunale Gebietsk√∂rperschaft ein direkt gew√§hltes Beschlussorgan und einen Verwaltungschef (von der Bev√∂lkerung oder vom Beschlussorgan gew√§hlt) vor. Die Regelungen der F√∂derationssubjekte entsprechen jedoch vielfach nicht den Vorgaben und sind h√§ufig Gegenstand von Normenkontrollverfahren vor dem Verfassungsgericht. Die Herausbildung aufeinander abgestimmter, funktionsf√§higer Verwaltungsstrukturen ist zurzeit noch nicht abgeschlossen.
 
 
Die ordentliche Gerichtsbarkeit der 89 F√∂derationssubjekte besteht aus den Kreis- und Stadtgerichten auf der erstinstanzlichen Ebene und den zweitinstanzlichen Gerichten, bei denen Berufungen und Proteste gegen die Urteile der erstinstanzlichen Gerichte eingelegt werden k√∂nnen. F√ľr weitere Rechtsmittel ist das Oberste Gericht zust√§ndig. Das Prozessrecht der ordentlichen Gerichte stammt aus dem Jahre 1964, ist jedoch 1995 weitgehend erg√§nzt worden.
 
Die Wirtschaftsgerichtsbarkeit liegt in den H√§nden der so genannten Arbitragegerichte, die volle richterliche Unabh√§ngigkeit genie√üen und f√ľr Handelsstreitigkeiten aller Art zust√§ndig sind. Die h√∂chste Rechtsmittelinstanz ist das Oberste Arbitragegericht, das eine einheitliche Rechtsprechung gew√§hrleisten soll. Die Arbitragegerichte haben ihr eigenes Prozessrecht (Arbitrageprozesskodex von 1995).
 
Das Verfassungsgericht pr√ľft die Verfassungsm√§√üigkeit von Gesetzen, von Normativakten des Pr√§sidenten und der Regierung, von Verfassungen und Satzungen der F√∂derationssubjekte sowie von innerrussischen Staatsvertr√§gen. Solange internationale Vertr√§ge v√∂lkerrechtlich noch nicht bindend sind, k√∂nnen auch sie auf ihre Verfassungsm√§√üigkeit gepr√ľft werden. Ein am 1. 1. 1997 in Kraft getretenes Gerichtsverfassungsgesetz hat die Grundlage f√ľr die Einf√ľhrung von Verfassungsgerichten f√ľr die F√∂derationssubjekte geschaffen und sieht auch eine neue Institution des Friedensrichters vor.
 
Die Verfassung garantiert das Privateigentum und die Freiheit unternehmerischer T√§tigkeit. Die Umwandlung des traditionellen planwirtschaftlich orientierten Rechtssystems in ein auf Marktwirtschaft ausgerichtetes wurde u. a. geregelt in den Gesetzen √ľber das Eigentum (1990), √ľber Unternehmen und unternehmerische T√§tigkeit (1991) sowie √ľber die Privatisierung von Staatsbetrieben (1991). - Die Grundlage f√ľr die Neugestaltung der russischen Wirtschaft und f√ľr privatrechtliche Beziehungen schuf ein neues Zivilgesetzbuch, dessen erster und zweiter Teil 1994 beziehungsweise 1996 erschienen ist, ein dritter Teil befindet sich in der Ausarbeitung. Verbraucherschutzvorschriften legt ein Sondergesetz von 1992 fest. - Das Familienrecht ist kodifiziert im Familiengesetzbuch (1995), das Fragen des Eherechts (einschlie√ülich des Eheg√ľterrechts), des Kindschafts-, Alimenten- und Vormundschaftsrechts regelt. Das Erbrecht ist im dritten Teil des neuen Zivilgesetzbuches verankert. - Das traditionelle sozialistische Wirtschaftsrecht entwickelt sich durch neue Gesetzgebung mehr und mehr zum Unternehmens- beziehungsweise Handelsrecht. W√§hrend ¬Ľnat√ľrliche Staatsmonopole¬ę weiterhin anerkannt sind, versucht ein Gesetz aus dem Jahre 1991, Monopole im privaten Bereich zu verhindern, und verbietet wettbewerbswidrige Abreden und Praktiken. Ein Gesetz √ľber ausl√§ndische Investitionen (1991) erm√∂glicht es ausl√§ndischen Investoren, russische Aktiengesellschaften oder andere Handelsgesellschaften zu gr√ľnden oder sich in anderer Form wirtschaftlich zu engagieren, und enth√§lt u. a. gewisse Garantien gegen Enteignung. Das bisher provisorisch geregelte Recht der AG ist am 1. 1. 1996 durch ein umfangreiches Gesetz √ľber die AG abgel√∂st worden. 1996 trat ein Gesetz √ľber den Wertpapiermarkt in Kraft, das Fragen der Emission und des Handels von Aktien, Obligationen u. a. Wertpapieren regelt. F√ľr Milit√§rstrafsachen sind Milit√§rtribunale zust√§ndig, von denen der Instanzenzug zum Obersten Gericht f√ľhrt.
 
 
Am 7. 5. 1992 wurden durch einen Erlass Pr√§sident B. N. Jelzins die russischen Streitkr√§fte formell gegr√ľndet. Durch √úbernahme der auf russischem Boden sowie in der DDR, dem Baltikum und anderen osteurop√§ischen Staaten stehenden Verb√§nde der ehemaligen Sowjetarmee belief sich die Truppenst√§rke der neuen Streitmacht zun√§chst auf 2,8 Mio. Mann. Gegenw√§rtig (1998) betr√§gt die Gesamtst√§rke der Wehrpflichtarmee (Wehrdienstdauer 24 Monate, f√ľr Hochschulabsolventen 12 Monate) etwa 1,2 Mio.; eine Freistellung vom Wehrdienst wegen beruflicher Ausbildung ist m√∂glich. Neben den Truppen der Teilstreitkr√§fte verf√ľgt Russland an paramilit√§rischen Einheiten u. a. √ľber rd. 150 000 Mann der ¬ĽInneren Truppen¬ę und 150 000 Mann Grenztruppen.
 
Das Heer (rd. 500 000 Mann) ist in sieben Milit√§rbezirke aufgeteilt und umfasst 53 Divisionen. Zur Ausstattung geh√∂ren u. a. etwa 16 500 Kampfpanzer (v. a. T-64, T-72, T-80) sowie rd. 60 000 gepanzerte Gefechtsfahrzeuge. 1996 wurde eine Spezialeinheit (rd. 22 000 Mann) f√ľr internationale Friedenseins√§tze aufgestellt. Die Luftwaffe (einschlie√ülich Luftverteidigungskr√§fte) verf√ľgt √ľber etwa 300 000 Soldaten und rd. 250 Langstreckenbomber (v. a. Tu-22, Tu-95, Tu-160), 3 500 Kampfflugzeuge (v. a. MiG-29, Su-25, Su-27), 150 taktische Aufkl√§rungsflugzeuge (MiG-25, Su-24) und 700 Transportflugzeuge (v. a. Il-76, An-2, An-24). Die Marine (rd. 250 000 Mann) gliedert sich in vier Flotten: Pazifische, Nordmeer-, Baltische und Schwarzmeerflotte. 1997 einigten sich nach jahrelangen Verhandlungen Russland und die Ukraine √ľber die Aufteilung der Einrichtungen der Schwarzmeerflotte; au√üerdem kann Russland seine Schiffe im ukrainischen Schwarzmeerhafen Sewastopol stationieren und dort auch andere milit√§rische Einrichtungen nutzen. An gr√∂√üeren Einheiten stehen der Marine ein Flugzeugtr√§ger, 14 Kreuzer, 37 Zerst√∂rer, etwa 200 Fregatten/Korvetten sowie rd. 100 taktische U-Boote und 200 Kleine Kampfschiffe zur Verf√ľgung. Die strategischen Streitkr√§fte (rd. 150 000 Mann) verf√ľgen u. a. √ľber 31 strategische Atom-U-Boote sowie etwa 6 000 land- und seegest√ľtzte Atomwaffen (davon rd. 1 000 Interkontinentalraketen). Dieses strategische Potenzial befindet sich jedoch in einem kontinuierlichen Reduzierungsprozess (START). Auf dem Gebiet der Begrenzung der konventionellen Streitkr√§fte in Europa wurden durch die im Mai 1997 in Kraft getretene Flankenvereinbarung zum KSE-Vertrag (VKSE) destabilisierende Streitkr√§ftekonzentrationen in bestimmten Gebieten im Norden und S√ľden von Russland (besonders Kaukasus und Gebiet um Sankt Petersburg) und in angrenzenden Regionen verhindert, indem dort u. a. spezielle Obergrenzen gelten.
 
Eine seit Mitte der 90er-Jahre forciert betriebene Milit√§rreform beinhaltet u. a. die schrittweise Umwandlung der Streitkr√§fte in eine Berufsarmee bis etwa 2005, die Gew√§hrleistung der atomaren Abschreckung, die Perfektionierung der Organisation der Streitkr√§fte (v. a. Luftwaffe und Raketenstreitkr√§fte), die Ausstattung der Truppen mit modernen Waffen und neuer Kampftechnik sowie die L√∂sung von sozialen Problemen innerhalb der Truppe. - Etwa 20 % der russischen Staatsausgaben wurden 1997 f√ľr die Verteidigung verwendet.
 
Am 22. 6. 1994 trat Russland dem NATO-Programm ¬ĽPartnerschaft f√ľr den Frieden¬ę bei, ohne jedoch einen Sonderstatus durchsetzen zu k√∂nnen. Am 27. 5. 1997 stellte Russland sein Verh√§ltnis zur NATO mit der Unterzeichnung der ¬ĽGrundakte √ľber gegenseitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit¬ę auf eine vertragliche Basis.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Russland erstreckt sich in West-Ost-Richtung √ľber mehr als 9 000 km von der Danziger Bucht im Westen (19¬ļ 38' √∂stliche L√§nge) bis zum Kap Deschnjow an der Beringstra√üe im Osten (169¬ļ 40' westliche L√§nge) und in Nord-S√ľd-Richtung bis 4 000 km vom Nordpolarmeer (n√∂rdlichster Punkt auf der Rudolfinsel des Franz-Josef-Landes, 81¬ļ 49' n√∂rdlicher Breite, n√∂rdlichster Festlandspunkt Kap Tscheljuskin auf der Halbinsel Taimyr, 77¬ļ 43' n√∂rdlicher Breite) bis zu den Bergl√§ndern S√ľdsibiriens im S√ľden und dem Gro√üen Kaukasus im S√ľdwesten, wo in der Republik Dagestan der s√ľdlichste Punkt (bei 41¬ļ 10' n√∂rdlicher Breite) erreicht wird. Die Oberfl√§chengestalt wird zu 75 % von Ebenen bestimmt, die westlich des Jenissej vorherrschend sind. Sie werden durch den Ural (bis 1 895 m √ľber dem Meeresspiegel) in die Osteurop√§ische Ebene (Russische Ebene) und in das Westsibirische Tiefland (mit den Hauptstr√∂men Ob und Irtysch) geteilt. An die von der Wolga durchflossene Osteurop√§ische Ebene schlie√üen sich im Nordwesten der Baltische Schild mit den Ebenen und Bergl√§ndern Kareliens und der Halbinsel Kola, im S√ľden Nordkaukasien bis zum Kamm des Gro√üen Kaukasus (Elbrus, mit 5 642 m √ľber dem Meeresspiegel die h√∂chste Erhebung Russlands) und die Kaspische Senke bis zur unteren Wolga (bei Astrachan bis 28 m unter dem Meeresspiegel) an. √Ėstlich des Jenissej erstreckt sich bis zur Lena das Mittelsibirische Bergland, √∂stlich der Lena und des Jakutischen Beckens schlie√üen sich die bis 3 147 m √ľber dem Meeresspiegel aufragenden Gebirge Ostsibiriens (u. a. Werchojansker, Kolyma-, Tscherskijgebirge und Anadyrbergland) sowie, jenseits der Wasserscheide zwischen Nordpolarmeer und Pazifischem Ozean, die bis 2 325 m √ľber dem Meeresspiegel hohen Gebirge des Fernen Ostens (u. a. Sichote-Alin und Burejagebirge) an. Der Gebirgsg√ľrtel wird am Pazifischen Ozean durch das Korjakengebirge (bis 2 562 m √ľber dem Meeresspiegel) sowie durch die an teilweise noch t√§tigen Vulkanen (u. a. Kljutschewskaja Sopka, 4 868 m √ľber dem Meeresspiegel) reichen Gebirge Kamtschatkas und der Inselkette der Kurilen abgeschlossen. Vor der fern√∂stlichen K√ľste liegt, durch den Tatarensund getrennt, Sachalin, die gr√∂√üte russische Insel. Das Bergland Sibiriens geht im Norden in das Nordsibirische Tiefland √ľber, das sich √∂stlich der Lena im Jana-Indigirka-Tiefland fortsetzt. Am Mittellauf der Lena und am Aldan erstreckt sich das Zentraljakutische Tiefland. Der nordsibirischen K√ľste sind zahlreiche Inseln und Archipele vorgelagert: Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja, die Neusibirischen Inseln und Franz-Josef-Land. Der s√ľdsibirische Gebirgsg√ľrtel beginnt im Westen mit dem Gebirgssystem des Altai (Belucha, 4 506 m √ľber dem Meeresspiegel); √∂stlich davon schlie√üen sich West- und Ostsajan sowie die Gebirge Transbaikaliens an, √∂stlich der Lena das Stanowoj- und das sich nach Norden zum ostsibirischen Gebirgsg√ľrtel erstreckende Dschugdschurgebirge.
 
 
Russland hat Anteil an verschiedenen Klimazonen, vom Bereich des arktischen Klimas entlang der Nordk√ľste bis zu dem des feuchtsubtropischen Klimas an der Schwarzmeerk√ľste. Der gr√∂√üte Teil des Landes geh√∂rt jedoch zur gem√§√üigten Klimazone. Diese ist bis auf den S√ľden des Fernen Ostens, der unter dem Einfluss des ostasiatischen Monsuns steht, ausgesprochen kontinental. W√§hrend die Sommertemperaturen im Wesentlichen von der geographischen Breite abh√§ngen (Julimittel 1-2 ¬ļC im √§u√üersten Norden, 25 ¬ļC in der Steppenregion), bestimmt der abnehmende maritime Einfluss die kalte Jahreszeit: Die Januarmittel nehmen von Westen (‚ÄĒ1 bis ‚ÄĒ5 ¬ļC) nach Nordosten ab und erreichen im ostsibirischen Gebirgsland mit ‚ÄĒ50 ¬ļC die tiefsten Werte (bei Ojmjakon und Werchojansk liegen die K√§ltepole der Nordhalbkugel). Als Folge der kalten, lang anhaltenden und schneearmen Winter ist knapp die H√§lfte der Landesfl√§che Dauerfrostboden. Die Jahresmenge der Niederschl√§ge (meist Sommerregen) nimmt im Flachland von der Ostseek√ľste (600-700 mm) nach allen Richtungen ab (Kaspische Senke 100-150 mm, √∂stliche Tundra 100-200 mm), erreicht aber in den Gebirgen und im Fernen Osten wieder 600-1 000 mm.
 
 
51 % der Fl√§che Russlands sind waldbedeckt. Tundra, S√ľmpfe, Seen und Hochgebirge nehmen rd. ein Viertel der Fl√§che ein.
 
Die arktischen Inselgruppen liegen zum gr√∂√üten Teil im G√ľrtel der polaren K√§ltew√ľsten, ebenso der Norden der Halbinsel Taimyr und Teile des Anadyrberglands. Die Tundrenzone, die sich in einem 50 km (im europ√§ischen Teil) bis 300 km (im asiatischen Teil) breiten Streifen durch das ganze Land erstreckt, hat fast immer eine zusammenh√§ngende Vegetationsdecke aus Flechten, Moosen, Zwergstr√§uchern, sommergr√ľnen Halbstr√§uchern und ausdauernden Gr√§sern. Zwischen der n√∂rdlichen Baumgrenze und der Nordgrenze des zusammenh√§ngenden Nadelwaldes liegt der im Mittel √ľber 100 km breite G√ľrtel der Waldtundra, in dessen Nordteil die Tundra mit Waldinseln sowie Waldstreifen in den T√§lern durchsetzt ist, w√§hrend im s√ľdlichen Teil der vorherrschende Wald mit offenen Tundrenfl√§chen wechselt. Die n√∂rdliche Waldgrenze, die √ľberall von Nadelh√∂lzern gebildet wird, verl√§uft im europ√§ischen Russland knapp n√∂rdlich des Polarkreises; auf der Halbinsel Kola erstreckt sie sich wesentlich weiter nach Norden und erreicht an der norwegischen Grenze zwischen 70¬ļ und 72¬ļ n√∂rdlicher Breite, in Sibirien schwankt sie zwischen 70¬ļ und 72¬ļ n√∂rdlicher Breite, Richtung Pazifikk√ľste zieht sie sich zur√ľck bis 59¬ļ 30' an der Ostk√ľste der Halbinsel Kamtschatka.
 
Die boreale Nadelwaldzone (Taiga), deren Nord-S√ľd-Ausdehnung von Westen nach Osten zunimmt, erstreckt sich in Europa √ľber 10-12, in Asien √ľber 10-25 Breitengrade. Sie umfasst ein Drittel des gesamten Nadelwaldbestandes der Erde. Zwei Drittel des Nadelwaldg√ľrtels liegen im Bereich des Dauerfrostbodens. Im europ√§ischen Landesteil erstreckt er sich als schmaler Streifen entlang der K√ľste, der jenseits des Urals schnell an Breite zunimmt. Der w√§hrend des Sommers aufgetaute Oberboden bleibt in weiten Teilen sumpfig, die Moore sind im Allgemeinen weitfl√§chig eben (sibirische Sumpftaiga). Die W√§lder sind artenarm und √ľber riesige Fl√§chen einheitlich. Sie bestehen in erster Linie aus Fichten, L√§rchen, Tannen und Kiefern, untergeordnet aus Birken, Pappeln, Erlen und Weiden. Im westlichen Teil Sibiriens grenzt der Nadelwald (mit √úbergangsg√ľrteln) an Steppen, in den weniger kontinentalen Teilen in Europa und im Amurgebiet an sommergr√ľne Laubw√§lder (mit √úbergangszonen von Nadel-Laub-Mischw√§ldern). Im fern√∂stlichen Gebiet dominiert im Tiefland auf weiten Fl√§chen reiner Laubwald (v. a. Mandschurische Eiche), in den Talauen steht neben sumpfigem Grasland artenreicher Auwald, auf den H√∂hen stehen Laub-Nadel-Mischw√§lder. Westlich des Urals vollzieht sich der √úbergang vom Nadelwald zum reinen Laubwald in einem sehr breiten Mischwaldg√ľrtel. Der reine Laubwaldg√ľrtel, der sich nach S√ľden anschlie√üt, ist im osteurop√§ischen Bereich nur schmal, die Zahl der beteiligten Laubholzarten nimmt von Westen nach Osten ab. √Ėstlich des Urals wird der Laubwaldg√ľrtel, der sich von Jekaterinburg bis in die N√§he von Krasnojarsk hinzieht, fast nur noch von Espen und Birken gebildet.
 
Der europ√§isch-westsibirische Laubwaldg√ľrtel geht in seiner gesamten West-Ost-Erstreckung nach S√ľden allm√§hlich in die Steppenzone √ľber. Der √úbergangsg√ľrtel wird als n√∂rdliche Wiesensteppe oder wegen der hier auf degradierter Schwarzerde vorkommenden Waldinseln auch als Waldsteppe bezeichnet. Der Waldsteppeng√ľrtel verl√§uft im europ√§ischen Teil von Orel in einem flachen Bogen nach Norden bis Ufa, jenseits des Urals fast breitenparallel in etwa 55¬ļ n√∂rdlicher Breite bis Nowosibirsk mit Ausl√§ufern bis zum Jenissej. Auf den Waldsteppeng√ľrtel folgen im S√ľdwesten, in Nordkaukasien, waldfreie Wiesen- oder Schwarzerdesteppen (heute nur noch in Schutzgebieten vorhanden, sonst Ackerland) sowie Halbw√ľste am Nordwestrand des Kaspischen Meeres. Der westliche Gro√üe Kaukasus an der S√ľdgrenze ist mit Laubwald bestanden.
 
Trotz der wirtschaftlich bedingten Verringerung der Schadstoffemissionen sind die Umweltprobleme Russlands weiterhin gravierend. Drei Viertel der Bewohner leben in Gebieten mit sehr hoher Luftverschmutzung, hervorgerufen in erster Linie durch die Schadstoffemissionen der gro√üen Industriebetriebe. Der Eintrag ungekl√§rter Abw√§sser aus Industrie, Landwirtschaft und den Kommunen gef√§hrdet die Gew√§sser und f√ľhrt zu einer hohen Schadstoffbelastung des Trinkwassers, auch die zum Teil maroden Erd√∂lleitungen bilden daf√ľr eine st√§ndige Gefahr. Folge ausgedehnter Monokulturen sowie einer Ausweitung der Anbaufl√§chen unter Anwendung unsachgem√§√üer Bew√§sserungsmethoden ist die Degeneration der B√∂den in den s√ľdlichen Landesteilen. Eine gro√üe Gefahr f√ľr die Umwelt besteht zudem in der radioaktiven Verseuchung durch die √ľberalterten elf aktiven Kernkraftwerke, die zahlreichen Atomm√ľlldeponien und die in den letzten Jahrzehnten durchgef√ľhrten Kernwaffenversuche auf Nowaja Semlja.
 
Zwischen 1980 und 1995 haben sich Anzahl und Fläche der Naturschutzgebiete deutlich vergrößert, 1995 bestanden 94 Naturschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 31,594 Mio. ha; 30 Großschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 6,548 Mio. ha hatten den Rang eines Nationalparks.
 
 
Den gr√∂√üten Teil der Bev√∂lkerung stellen mit (1999) 81,5 % die Russen. Unter den mehr als 100 nationalen Minderheiten bilden die Tataren mit 3,8 % die gr√∂√üte Gruppe, gefolgt von den Ukrainern (3,0 %), Tschuwaschen (1,2 %), Baschkiren (0,9 %) und Wei√ürussen (0,7 %); etwa 0,6 % sind Deutsche (Russlanddeutsche). Aufgrund des gering besiedelten asiatischen Landesteils (1999: 2,55 Einwohner je km2) ergibt sich eine durchschnittliche Bev√∂lkerungsdichte von 8,48 Einwohnern je km2, wobei der Mittelwert des europ√§ischen Landesteils bei 26,8 Einwohnern je km2 liegt. Die Ende der 1980er-Jahre einsetzende Abnahme des j√§hrlichen Bev√∂lkerungswachstums (1990-99: ‚ÄĒ0,1 ‚Äį) ist auf eine stark gesunkene Geburtenrate (2000: 8,7 ‚Äį) sowie zunehmende Sterbeziffern (2000: 15,3 ‚Äį) zur√ľckzuf√ľhren. Ein erstarkender Nationalismus in den anderen GUS-Republiken verursachte zu Beginn der 1990er-Jahre eine verst√§rkte Zuwanderung, vorwiegend der russischen Bev√∂lkerung. So wurden Ende 2000 etwa 491 000 Binnenfl√ľchtlinge und √úbersiedler in Russland erfasst, der Gro√üteil kam aus Tadschikistan, Georgien und Aserbaidschan. Die zu sowjetischer Zeit betriebene Besiedlung der n√∂rdlichen und √∂stlichen Landesteile kehrte sich nach 1990 in eine Entsiedlung weiter Landstriche in diesen Gebieten um, w√§hrend der Westen und S√ľdwesten Russlands Wanderungsgewinne verzeichnen. Die mittlere Lebenserwartung verringerte sich 1989-95 bei M√§nnern von 65 auf 58, bei Frauen von 74 auf 72 Jahre und liegt heute bei durchschnittlich 67 Jahren. Der Anteil der st√§dtischen Bev√∂lkerung stieg 1959-2001 von 53 % auf 73 %. 2000 waren von den Erwerbst√§tigen 31 % in der Industrie und im Baugewerbe, 13 % in der Landwirtschaft und 56 % im Dienstleistungssektor t√§tig.
 
 
Die Verfassung garantiert die Religionsfreiheit. Die rechtliche Grundlage ist das ¬ĽReligionsgesetz der Russischen F√∂deration¬ę (in Kraft seit 24. 9. 1997). Seine Pr√§ambel hebt den speziellen Beitrag der russisch-orthodoxen Kirche am Aufbau des russischen Staatswesens und an der Entwicklung des Geistes und der Kultur Russlands hervor. Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum u. a. Religionen in Russland werden als ¬Ľuntrennbarer Teil des historischen Erbes der V√∂lker Russlands¬ę respektiert. Das Gesetz unterscheidet zwischen religi√∂sen Organisationen (Religionsgemeinschaften, die als schon l√§nger in Russland beheimatet anerkannt sind) und religi√∂sen Gruppen (Religionsgemeinschaften, die weniger als 15 Jahre in Russland ans√§ssig sind). Im Unterschied zu den religi√∂sen Gruppen haben die religi√∂sen Organisationen das Recht, eigene Bildungseinrichtungen, Zeitungen und Wirtschaftsunternehmen zu unterhalten, und k√∂nnen zentrale Organisationsstrukturen (¬Ľzentrale religi√∂se Organisationen¬ę) errichten. Als Konsultativorgan des Pr√§sidenten der Russischen F√∂deration in Fragen der religi√∂sen Organisationen und Gruppen besteht der ¬ĽRat f√ľr Zusammenarbeit mit religi√∂sen Vereinigungen¬ę.
 
Nach Angaben der christlichen Kirchen sind 40-50 % der Bev√∂lkerung getauft; als Kirchenmitglieder im engeren Sinn kann allerdings nur eine weitaus geringere Zahl angesehen werden. Die gr√∂√üte Glaubensgemeinschaft ist die russisch-orthodoxe Kirche, der (auf die Taufe bezogen) 50-60 Mio. Menschen zugerechnet werden; staatlich registriert sind rund 10 900 orthodoxe Gemeinden (2000). Neben ihr hat sich nach 1990 eine ¬ĽRussisch-Orthodoxe Freie Kirche¬ę etabliert (rund 100 Gemeinden); es bestehen zwei altgl√§ubige Jurisdiktionen (Popowzy). - Die Zahl der evangelischen Christen wird auf mindestens 1 Mio. gesch√§tzt. Staatlich registriert sind: Pfingstler (rund 1 300 Gemeinden), Baptisten (rund 1 000), Adventisten (rund 560) und als zentrale religi√∂se Organisation die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS). - F√ľr die geistliche Betreuung der ebenfalls auf 1 Mio. gesch√§tzten katholischen Christen (v. a. Litauer, Polen, Deutsche; rundrund 350 Gemeinden) bestehen seit Februar 2002 ein Erzbistum und drei Bist√ľmer: das Erzbistum Moskau f√ľr den europ√§ischen Teil Russlands (1991 errichtet als Apostolische Administratur), das Bistum Nowosibirsk f√ľr Westsibirien (1991 errichtet als Apostolische Administratur), das Bistum Irkutsk f√ľr Ostsibirien und den Fernen Osten (1999 errichtet als Apostolische Administratur) und das Bistum Saratow f√ľr S√ľdrussland (1999 errichtet als Apostolische Administratur).
 
Die zweitgr√∂√üte Religionsgemeinschaft bilden die Muslime, deren Zahl mit mindestens 12 Mio. anzunehmen ist, in einzelnen Sch√§tzungen allerdings mit bis zu 22 Mio. (15 % der Bev√∂lkerung) ausgewiesen wird; die gr√∂√üte muslimische Gemeinschaft au√üerhalb der traditionellen muslimischen Verbreitungsgebiete (Tatarstan, Baschkirien, Nordkaukasus [Dagestan; Tschetschenien]) bilden die rund 800 000 Muslime in Moskau. Als kollegiale Zusammenschl√ľsse der eigenst√§ndigen regionalen Muftiate bestehen das ¬ĽOberste Koordinationszentrum der geistlichen Leitungen der Muslime Russlands¬ę (gegr√ľndet 1992) und der ¬ĽRat der russischen Muslime¬ę (gegr√ľndet 1996). - Die j√ľdische Gemeinschaft z√§hlte Mitte der 1990er-Jahre etwa 600 000 Mitglieder, wird jedoch infolge kontinuierlicher Auswanderung kleiner. √úber ein Drittel der Juden lebt in Moskau (Sitz des Oberrabbiners f√ľr Russland) und in Sankt Petersburg, jedoch nur noch wenige im J√ľdischen Autonomen Gebiet Birobidschan. - Der Buddhismus ist in der Form des Lamaismus in Burjatien, Kalm√ľckien, Tuwinien und in den Gebieten Irkutsk und Tschita verbreitet und wird (religi√∂s und kulturell) von 800 000 bis 1 Mio. Menschen als ihre angestammte Religion angesehen. - Traditionen des Schamanismus haben sich unter den ¬Ľkleinen V√∂lkern des Nordens¬ę erhalten (z. B. bei Jakuten und Tuwinen). - Neben traditionelle russische religi√∂se Sondergemeinschaften wie Duchoborzen und Molokanen traten nach 1990 zahlreiche neue religi√∂s-eschatologische, religi√∂s-nationalistische und neuheidnische Gruppierungen russischen Ursprungs. Daneben sind beziehungsweise waren besonders die Hare-Krishna-Bewegung, die Vereinigungskirche und die Aum-Sekte (1995 verboten) missionarisch t√§tig.
 
 
Das Schulsystem ist gut ausgebaut, sieht sich aber nach dem neuen Bildungsgesetz vom Juli 1992 (u. a. Dezentralisierung der Schulverwaltungen) gro√üen finanziellen Problemen gegen√ľber. Das Schulangebot wird seit Anfang der 1990er-Jahre durch private, zum Teil religi√∂s gepr√§gte und meist schulgeldpflichtige Bildungseinrichtungen erweitert. Die Schulpflicht beginnt im sechsten beziehungsweise siebenten Lebensjahr und betr√§gt neun Jahre. Sie wird in allgemein bildenden staatlichen (kostenfreien) Schulen in eine drei- bis vierj√§hrige Unterstufe (Grundschule) und in eine f√ľnfj√§hrige Mittelschule (Mittelstufe ohne Abschluss) unterteilt. Nach Beendigung der Pflichtschule sind drei weitere Bildungswege m√∂glich: 1) zwei Jahre verl√§ngerte Schulzeit mit Abschluss der elften Klasse (Hochschulreife); 2) ein- bis dreij√§hrige Berufsschule (je nach Berufsart) mit Erwerb des Facharbeiterzeugnisses; 3) zwei- bis dreij√§hrige Ausbildung an einer technischen Fachschule mit Erwerb des Technikerdiploms f√ľr mittleres technisches Personal (Hochschulreife). Die Anzahl der Hochschulbewerber √ľbersteigt in der Regel die Studienplatzkapazit√§t, deshalb gibt es Aufnahmepr√ľfungen (Auswahlprinzip). Verschiedene Hochschulen sind stark spezialisiert, andere haben ein breites Studienangebot. Ein Diplomstudium dauert in der Regel f√ľnf Jahre, im Anschluss daran ist ein dreij√§hriges Promotionsstudium m√∂glich (Abschluss: ¬ĽKandidat der Wissenschaften¬ę). In Russland gibt es 57 Universit√§ten, von denen mehrere (u. a. die 1755 gegr√ľndete Lomonossow-Universit√§t, die 1960 gegr√ľndete Russische Universit√§t der V√∂lkerfreundschaft und die 1993 gegr√ľndete Russisch-Orthodoxe Universit√§t) in Moskau konzentriert sind.
 
 
Presse: Zwischen 1989 und 1991 entstand eine pluralistische Presselandschaft mit Neugr√ľndungen einer Vielzahl privater unabh√§ngiger Medien. Die angespannte wirtschaftliche Lage des Landes, geringe Kaufkraft der Bev√∂lkerung, steigende Druck- und Vertriebskosten sowie zunehmende politische Lethargie und eine allgemeine Informationsm√ľdigkeit f√ľhrten jedoch viele Zeitungen seit 1993 in eine wirtschaftliche Krise mit rapide sinkenden Auflagenzahlen. Das Hauptproblem der postsowjetischen √Ąra ist die enge personelle Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Medien, bei der einflussreiche, als ¬ĽOligarchen¬ę bezeichnete Wirtschaftsvertreter (u. a. B. Beresowskij, W. Gussinskij, W. Potanin) gleichzeitig Besitzer von Banken und Medien sind und Staatskonzerne wie Gasprom und Lukoil als Hauptgesellschafter der gro√üen √ľberregionalen Fernsehsender auftreten. Dies bedeutet f√ľr die Medien finanziellen und politischen Druck und damit eine Bedrohung der im Mediengesetz von 1990 gew√§hrten Meinungs- und Pressefreiheit. Mit dem Amtsantritt von Pr√§sident Putin im M√§rz 2000 und seiner im September 2000 erlassenen ¬ĽStaatlichen Doktrin zur Informationssicherheit¬ę versch√§rfte sich die Situation f√ľr die unabh√§ngigen und oppositionellen Medien; illegale Durchsuchungen, Kreditverweigerungen, Lizenzentzug, Schlie√üungen (z. B. der regierungskritischen Zeitung ¬ĽSewodnja¬ę), √úberwachung von Internetzeitungen (z. B. ¬ĽGazeta.ru¬ę, ¬ĽVesti.ru¬ę, ¬ĽLenta.ru¬ę, ¬ĽSmi.ru ) durch den Geheimdienst FSB, fortschreitende Gleichschaltung und Verstaatlichung gro√üer privater Medienunternehmen wie der Holding Media-Most sind die Auspr√§gungen des politischen Richtungswechsels. Insgesamt erscheinen in Russland etwa 12 000 periodische Publikationen, davon befanden sich (1999) 2 140 in staatlicher Hand. Zu den wichtigsten Printmedien geh√∂ren die Wochenzeitungen und -zeitschriften ¬ĽArgumenty i Fakty¬ę (Auflage 3,03 Mio.), ¬ĽEkonomika i Schisn¬ę (gegr√ľndet 1918; 1,2 Mio.), ¬ĽNowaja Gaseta¬ę (gegr√ľndet 1997, zur Media-Most-Gruppe geh√∂rend; 535 000) und ¬ĽMoskowskije Nowosti¬ę (123 000), die national verbreiteten Tageszeitungen ¬ĽMoskowskij Komsomolez¬ę (popul√§res Boulevardblatt; 1,2 Mio.), ¬ĽKomsomolskaja Prawda¬ę (ehemaliges Organ des Kommunistischen Jugendverbandes, heute im Besitz der Oneximbank, demokratische Orientierung; 700 000), das fr√ľhere Gewerkschaftsblatt ¬ĽTrud¬ę (heute Tageszeitung im Besitz des Energiekonzerns Gasprom; 600 000), ¬ĽIswestija¬ę (seri√∂se Tageszeitung im Besitz des Erd√∂lkonzerns Lukoil und der Oneximbank, kremlnah; 405 000), ¬ĽWetschernaja Moskwa¬ę (Abendblatt; 300 000), ¬ĽSowjetskaja Rossija¬ę (dreimal w√∂chentlich erscheinend, im Besitz der Kommunistischen Partei; 250 000), ¬ĽNowyje Iswestija¬ę (gegr√ľndet 1997, farbig illustriert, im Besitz Beresowskijs; 102 000), ferner die haupts√§chlich in Moskau gelesenen Qualit√§tszeitungen ¬ĽKommersant Daily¬ę (Stolichnybank; 120 000), ¬ĽNesawissimaja Gaseta¬ę (Beresowskij; 50 000) und die Wochenzeitung ¬ĽObschtschaja Gaseta¬ę (gegr√ľndet 1991, Media-Most-Gruppe; 260 000). Zur staatlichen Medienholding VGTRK geh√∂ren u. a. die Tageszeitung ¬ĽRossijskaja Gaseta¬ę (Amtsblatt, gegr√ľndet 1990; 439 000) und die Wochenzeitschrift ¬ĽRossijskije Westi¬ę (50 000).
 
Nachrichtenagenturen:
 
Neben den staatlichen Agenturen ITAR-TASS und ¬ĽRIA-Vesti¬ę sind unabh√§ngige Agenturen entstanden, u. a. ¬ĽInterfax¬ę (gegr√ľndet 1989), ¬ĽPostfactum¬ę (gegr√ľndet 1987), ¬ĽSkate Press¬ę, ¬ĽAiF-Nowosti¬ę, ¬ĽTelemir¬ę.
 
 
Das geb√ľhrenfrei zu empfangende Fernsehen stellt f√ľr die meisten Russen das Hauptinformationsmedium dar; insgesamt existierten (1999) etwa 500 private und 300 staatliche Fernsehkan√§le. Der kremlkritische Privatsender NTW (Media-Most-Gruppe) wurde im April 2001 - √ľber den mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Erdgaskonzern Gasprom - unter die Kontrolle des Staates gebracht und seine Direktion ausgetauscht. Als letzte mehrheitlich in Privatbesitz (Beresowskij) befindliche Fernsehanstalt mit regierungsunabh√§ngiger Nachrichtenberichterstattung wurde der Sender TW-6 im Januar 2002 auf Anordnung des obersten Schiedsgerichts wegen angeblicher √úberschuldung geschlossen; ein Nachfolgesender (TWS) startete im Juni 2002. Somit befinden sich fast alle landesweit ausstrahlenden Fernsehsender in staatlicher Hand (neben NTW und TW-6: ORT, RTR, ¬ĽKultura¬ę und - im Besitz der Moskauer Stadtregierung - ¬ĽTV-Tsentr¬ę). Die staatliche Medienholding VGTRK unterh√§lt ferner ein Netzwerk von 90 regionalen Sendern. Weitere Fernsehsender sind die regionalen Sendergruppen REN-TV, TNT, STS und AST (privat) sowie das russischsprachige Programm des europ√§ischen Nachrichtensenders EuroNews (seit 2001). Im H√∂rfunkbereich befinden sich die gr√∂√üeren Sender (¬ĽRadio Rossii¬ę, ¬ĽGolos Rossija¬ę, ¬ĽRadio Majak¬ę, ¬ĽOrfej¬ę, ¬ĽRadio 1¬ę) ebenfalls in staatlicher Hand, daneben existiert eine Vielzahl privater Musiksender (z. B. ¬ĽEwropa plus¬ę, ¬ĽRadio 101¬ę). Als bisher letztes unabh√§ngiges Medium der Media-Most-Gruppe fiel im Juli 2001 der kritische H√∂rfunkinformationssender ¬ĽEcho Moskwij¬ę) mehrheitlich (rd. 52 % der Anteile) dem staatlich kontrollierten Energiekonzern Gasprom zu.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Russland war Kernland der Sowjetunion, an deren Industrieproduktion (1988) mit 61 % und landwirtschaftlicher Produktion mit 50 % beteiligt. Die seit 1928 (1. F√ľnfjahresplan) nach zentralen Planvorgaben gelenkte Wirtschaft war v. a. auf die Grundstoff-, Produktionsg√ľter-, Schwer- und R√ľstungsindustrie ausgerichtet und vernachl√§ssigte die Konsumg√ľterproduktion. Stagnation und R√ľckgang der wirtschaftlichen Entwicklung sind seit den 1970er-Jahren Folge einer zentral gelenkten Investitionspolitik, der weitere wirtschaftliche Verfall f√ľhrte Russland 1990/91 an den Rand des Zusammenbruchs. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hielten infolge unzureichender Reformen w√§hrend des Umwandlungsprozesses von der Plan- zur Marktwirtschaft die wirtschaftliche Stagnation und krisenhafte Entwicklung an, die Inflation verst√§rkte sich und nahm zeitweise den Charakter einer Hyperinflation an, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) halbierte sich innerhalb der 1990er-Jahre. Instabile politische Rahmenbedingungen, fehlendes Vertrauen in das bestehende Rechtssystem, ein undurchsichtiges Steuersystem, eine wenig unternehmensorientierte Infrastruktur sowie ein noch schwach entwickeltes Bankensystem stellen neben fehlendem Management-Know-how, den fortbestehenden Monopolstrukturen vieler Branchen und einer geringen Investitionsbereitschaft der russischen Unternehmen die Hauptprobleme der inl√§ndischen Wirtschaft sowie Hemmfaktoren f√ľr ausl√§ndische Investoren dar, sodass das Gesamtvolumen der ausl√§ndischen Direktinvestitionen Ende 1999 nur etwa 11,5 Mrd. US-$ (im Vergleich: China etwa 43 Mrd. US-$) erreichte. Die Auslandsverschuldung Russlands hat sich zwischen 1990 und 1996 auf etwa 125 Mrd. US-$ fast verdoppelt und lag Anfang 2001 bei 149,9 Mrd. US-$. H√∂hepunkt der negativen wirtschaftlichen Entwicklung war 1998 eine tief greifende Wirtschafts- und Finanzkrise, die die soziale Lage der Bev√∂lkerung weiter erheblich verschlechterte. Ende April 1999 waren 14,2 % der Bev√∂lkerung im arbeitsf√§higen Alter arbeitslos, im Oktober 1999 hatten 34,6 % der B√ľrger des Landes ein Einkommen unterhalb des Existenzminimums. Erst langsam sind Anzeichen einer Stabilisierung erkennbar. Das BIP pro Kopf der Bev√∂lkerung steigt wieder und lag (1999) mit 2 270 US-$ bei etwa 30 % des Vergleichswertes von 1990.
 
Die Wirtschaftsstruktur Russlands wird zunehmend durch die Gewinnung und Verarbeitung von Energieträgern (Erdöl, Erdgas, Kohle) sowie anderen Rohstoffen bestimmt. Jedoch verringerte sich der Anteil der Industrieproduktion am BIP in den letzten Jahren deutlich zugunsten der Dienstleistungen, deren Größe sich seit Reformbeginn allmählich westlichen Verhältnissen annähert. Auf die Schattenwirtschaft entfallen bis zu 40 % des BIP.
 
Die 1992 eingeleitete Privatisierung kam gut voran; von den damals 66 Mio. Erwerbst√§tigen arbeiteten bis 1996 36 % in der Privatwirtschaft und 24 % in Firmen des gemischten Sektors; gemessen am Anlageverm√∂gen betrug der Privatanteil etwa 19 % (Staatsanteil: 45 %, Anteil der Firmen des gemischten Sektors: etwa 36 %). Nach einer deutlichen Verlangsamung des Privatisierungsprozesses 1996 wurde im Fr√ľhjahr 1997 die ¬ĽPrivatisierung nach individuellen Objekten¬ę vorangetrieben, bei der nicht mehr die Privatisierungserl√∂se, sondern die Effizienz der Unternehmen im Mittelpunkt stehen.
 
 
Klimatisch bedingt umfasst die landwirtschaftliche Nutzfl√§che Russlands nur 210 Mio. ha (12 % der Landesfl√§che), davon sind 62 % Ackerland, 37 % Weiden und Wiesen (zur Heugewinnung) sowie 1 % Obst- und Weinbaufl√§che. Seit Beginn der Agrarreform Anfang der 1990er-Jahre hat die volkswirtschaftliche Bedeutung der russischen Landwirtschaft starke Einbu√üen erlitten. Die Ursachen hierf√ľr liegen neben der Abnahme der landwirtschaftlichen Produktion um ein Drittel zwischen 1990 und 1995 (Viehzucht um 38 %, Pflanzenproduktion um 27 %) in dem unverh√§ltnism√§√üig starken Preisanstieg bei den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln im Vergleich zu den (zentral festgelegten) Agrarpreisen.
 
Nachdem bei der Kollektivierung der Landwirtschaft (seit 1928) ein selbstst√§ndiges Bauerntum g√§nzlich beseitigt worden war, kann seit Anfang 1992 Land der Kolchosen zur individuellen Bewirtschaftung (Pachtsystem) √ľberlassen werden, jedoch sind Kooperativen, Kolchosen und Sowchosen die Hauptbetriebsform.
 
Wertm√§√üig hat die Viehzucht gr√∂√üere Bedeutung als der Pflanzenbau. Ihre Hauptzweige sind Rinder- (besonders im Wolgagebiet, im europ√§ischen Zentrum und in Westsibirien), Schweine- (in Nordkaukasien, im Wolgagebiet, im Zentralen Schwarzerdegebiet) und Schafzucht (im Wolgagebiet, in Nordkaukasien und Ostsibirien) sowie Gefl√ľgelhaltung. Im arktischen Norden wird Rentierzucht, im Norden und Osten auch Pelztierjagd und -zucht betrieben. Von der Ackerfl√§che sind 53 % mit Getreide (besonders Weizen) bestanden, 36 % mit Futterpflanzen und 11 % mit anderen Kulturen, v. a. Zuckerr√ľben und Sonnenblumen (beides besonders in Nordkaukasien und im Zentralen Schwarzerdegebiet), Flachs (im zentralen und im nordwestlichen europ√§ischen Teil), Kartoffeln (besonders im zentralen europ√§ischen Teil) sowie Gem√ľse; die Obst- und Weinbaugebiete liegen vorwiegend in Nordkaukasien.
 
 
Russland verf√ľgt mit etwa (1996) 8,26 Mio. km2 √ľber die gr√∂√üten Waldfl√§chen weltweit, das entspricht rund 45 % der Gesamtfl√§che des Landes. Nach offiziellen Angaben ging der Holzeinschlag seit 1990 stark zur√ľck und betrug (1998) 115,6 Mio m3. In Sibirien haben in den vergangenen Jahren zahlreiche ausl√§ndische Firmen Konzessionen f√ľr den Holzeinschlag erhalten.
 
 
Zwischen 1988 und 1998 verringerten sich die Fangmengen um fast 46 %, von 8,19 Mio. t auf 4,46 Mio. t. Die bedeutendsten Standorte der Fischwirtschaft finden sich in der Wirtschaftsregion Ferner Osten; √ľber 50 % der Fangmengen kommen aus den Regionen Chabarowsk und Primorje sowie von Kamtschatka und Sachalin. Bedeutende Standorte im europ√§ischen Landesteil sind die Gebiete Astrachan, Murmansk und Kaliningrad.
 
 
Russland ist reich an Bodensch√§tzen; es besitzt ein F√ľnftel der weltweit nachgewiesenen Goldvorkommen, die H√§lfte der Weltkohlevorkommen (Kusnezker Kohlenbecken, Petschora-, Kansk-Atschinsker, S√ľdjakutisches Kohlenbecken, √∂stliches Donez-Kohlenbecken) und sehr gro√üe Erd√∂l- und Erdgaslagerst√§tten (Westsibirien, Wolga-Ural-Erd√∂lgebiet, Nordkaukasien, Republik Komi, Sachalin). Weltbedeutung haben die Diamantvorkommen in Jakutien. Die Fundst√§tten der Nichteisenerz- und Edelmetallvorkommen wie Kupfer, Zink, Gold, Silber, Platin, Kobalt, Quecksilber und Uran befinden sich zum gro√üen Teil im siedlungs- und infrastrukturell wenig erschlossenen Sibirien, wodurch hohe Investitionen f√ľr den Abbau erforderlich sind. Weltbedeutung haben die Diamantvorkommen in Jakutien. Schwerpunkte des Eisenerzbergbaus sind Kursk, der Ural, das Schorijabergland, S√ľdjakutien, das Angaragebiet sowie Karelien und die Halbinsel Kola.
 
 
Russland ist der gr√∂√üte Energieerzeuger Europas. Die erzeugte Menge ist gr√∂√üer als die verbrauchte, sodass der Energieexport etwa 60 % aller Haushaltmittel und 70 % der Deviseneinnahmen erbringt. Die Elektrizit√§tswirtschaft st√ľtzt sich zu 68 % auf W√§rme-, zu 20 % auf Wasser- (an Wolga, Kama und die weltgr√∂√üten an Jenissej und Angara) und zu 12 % auf Kernkraftwerke. Seit Ende der 1980er-Jahre nimmt bei r√ľckl√§ufigen F√∂rdermengen von Kohle, Erd√∂l und Erdgas die Energieerzeugung ab.
 
 
Die Industrieproduktion ging 1989-95 um 50 % zur√ľck. √úberproportional betroffen sind das verarbeitende Gewerbe (v. a. die wissenschaftsintensiven Zweige wie Elektronik und Automatisierungstechnik), das 1995 nur noch 40 % an der gesamten Industrieproduktion bestritt (1990: 60 %), sowie die Textilindustrie. Die Rohstoffe gewinnende Industrie wurde aufgrund geringerer Produktionsr√ľckg√§nge innerhalb der russischen Volkswirtschaft immer bedeutender.
 
Die Eisen schaffende Industrie ist im Ural, in Tula, Lipezk, Kursk, Moskau, Tscherepowez und im Kusnezker Steinkohlenbecken, die Nichteisenerzverh√ľttung im Ural, auf der Halbinsel Kola, in Nordkaukasien, Nordsibirien und im Fernen Osten angesiedelt. Besonders im Wolgagebiet, im Nordwesten, im Ural und in Moskau befinden sich Betriebe des Maschinen- und Fahrzeug- sowie des Ger√§te- und Anlagenbaus; im Ural um Jekaterinburg konzentriert sich die R√ľstungsindustrie. Wichtige Standorte der chemischen und Erd√∂l verarbeitenden Industrie liegen im zentraleurop√§ischen und nordwestlichen Landesteil, im Wolgagebiet und im Ural. Die Holzindustrie ist in den n√∂rdlichen und √∂stlichen Landesteilen, die Textilindustrie besonders im zentralen und nordwestlichen europ√§ischen Teil und die Nahrungsmittelindustrie in den zentralen europ√§ischen Landesteilen, in Nordkaukasien und im S√ľden Westsibiriens vertreten. Neben den alten Hauptindustriestandorten Moskau, Sankt Petersburg, Nischnij Nowgorod, Saratow, Rostow am Don und Wolgograd entwickelten sich nach 1945 neue Industriestandorte im Ural, im Kusnezker Steinkohlenbecken und in Nordkaukasien, in Sibirien, im Bereich der Kursker Magnetanomalie, im Timan-Petschora-Becken und um Orenburg.
 
 
Das gro√üe touristische Potenzial des Landes wird wegen der fehlenden Infrastruktur und des nicht ausgebauten Hotel- und Gastst√§ttenwesens zurzeit nur zu einem sehr kleinen Teil genutzt. Schwerpunkte des Fremdenverkehrs sind Moskau und der um diese Metropole gelegene ¬ĽGoldene Ring¬ę (mit den St√§dten Susdal, Jaroslawl, Wladimir u. a.) sowie der Gro√üraum Sankt Petersburg mit kulturhistorischen Sehensw√ľrdigkeiten. Die wichtigsten Erholungsgebiete liegen an der Schwarzmeerk√ľste und im Gro√üen Kaukasus. Russland besuchten (1997) 15,4 Mio. ausl√§ndische Touristen.
 
 
Der Au√üenhandelsumsatz betrug 2000 136,6 Mrd. US-$, davon entfielen 102,8 Mrd. US-$ auf den Export, 33,8 Mrd. US-$ auf den Import. Gr√∂√üten Anteil am Au√üenhandel hat der Export von Erdgas, Erd√∂l und Erd√∂lprodukten (2000: 57 % des Exportwertes), dagegen ging der Export von Schwarz- und Buntmetallen (1996: 19 %) stark zur√ľck (2000: 10,5 %). Die wichtigsten Importg√ľter waren 2000 Maschinen und Ausr√ľstungen (31 % aller Importe) sowie Nahrungsmittel, Fahrzeuge, chemische Erzeugnisse und Konsumfertigwaren. Zu den gr√∂√üten Handelspartnern geh√∂ren Deutschland (2000: 8 % der Exporte; 13,8 % der Importe), die Ukraine (2000: 6 % der Exporte; 8 % der Importe) und die USA (2000: 6 % der Exporte; 8 % der Importe). Der Anteil der GUS- und der baltischen Staaten am Au√üenhandelsvolumen liegt bei etwa 25 %.
 
Verkehr:
 
Die Dichte des Verkehrsnetzes (2000: 86 000 km Eisenbahnstrecken, davon etwa 45 % elektrifiziert, und [1997] 756 000 km Stra√üen) nimmt von Westen nach Osten ab und ist √∂stlich des Ural sehr weitmaschig. Aufgrund der Gr√∂√üe des Landes und der weiten Entfernungen zwischen den Regionen ist die Eisenbahn das Haupttransportmittel. Durch Sibirien verl√§uft die Transsibirische Eisenbahn sowie weiter n√∂rdlich die Baikal-Amur-Magistrale. Die Binnenschifffahrt (2000: 84 600 km Binnenschifffahrtsstrecke) wird durch die lange Zeit der Vereisung der Fl√ľsse stark behindert; Schifffahrtskan√§le existieren nur im europ√§ischen Teil Russlands. Wichtigste Seeh√§fen sind an der Ostsee Sankt Petersburg und K√∂nigsberg (heute Kaliningrad), an der Barentssee Murmansk, am Wei√üen Meer Archangelsk, am Schwarzen Meer Noworossijsk sowie am Pazifik Nachodka/Wostotschnyj und Wladiwostok. Durch die Nordostpassage wird die Hochseeschifffahrt auch mithilfe von Eisbrechern betrieben. Treibstoffmangel und ein veralteter Flugzeugpark f√ľhrten den Flugverkehr nach 1990 in eine tiefe Krise. Das ehemalige Monopolunternehmen AEROFLOT wurde umgewandelt und fliegt heute als AEROFLOT Russian International Airlines (ARIA) im internationalen Flugverkehr. Daneben gibt es f√ľr den inl√§ndischen Flugverkehr (besonders in Sibirien und im Fernen Osten) √ľber 400 Fluggesellschaften. Die bedeutendsten Flugh√§fen sind Scheremetjewo (Moskau) und Pulkowo (Sankt Petersburg). Erd√∂l- und Erdgaspipelines f√ľhren von den F√∂rdergebieten in die Verarbeitungszentren Russlands und benachbarter Republiken sowie in die mehrerer mittel- und westeurop√§ischer Staaten. Gr√∂√üte Bedeutung f√ľr den Export von Brennstoffen haben die Erd√∂lleitung Freundschaft und die Erdgasleitung von der Halbinsel Jamal.
 
 Geschichte:
 
 
Das zum Teil seit der Altsteinzeit (Pal√§olithikum) besiedelte Territorium von Russland war in seiner fr√ľhgeschichtlichen Periode Wohnsitz und Durchzugs- beziehungsweise Expansionsgebiet zahlreicher St√§mme und V√∂lkerschaften (Osteuropa, Sibirien). Das wohl schon im 2. Jahrtausend v. Chr. in S√ľdrussland auftauchende nomadische Reitervolk der Kimmerier wurde etwa im 8./7. Jahrhundert v. Chr. durch die aus dem Osten vorsto√üenden Skythen verdr√§ngt; √∂stlich von Don und Wolga lebten die sprachlich mit ihnen verwandten Sarmaten, die bei ihrem Zug nach Westen im 4./3. Jahrhundert v. Chr. die Skythen vertrieben. Die Griechen gr√ľndeten seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. an der Schwarzmeerk√ľste St√§dte (u. a. Tyras, Chersonesos, Pantikapaion). Das im 5. Jahrhundert v. Chr. an der Nordk√ľste des Schwarzen Meeres beiderseits der Stra√üe von Kertsch errichtete Bosporanische Reich erweiterte seine Herrschaft bis an den Don (Gr√ľndung der Stadt Tanais) und bestand (zeitweise in Personalunion mit dem Pontischen Reich) bis ins 4. Jahrhundert, als es die aus Zentralasien vordringenden Hunnen zerst√∂rten. Ihnen folgten die Awaren, die zu Beginn des 6. Jahrhunderts die Steppen n√∂rdlich des Schwarzen Meeres durchzogen, bei ihrem Vorsto√ü nach Pannonien in die Siedlungsr√§ume der sich allm√§hlich √ľber Osteuropa ausbreitenden Slawen eindrangen und deren Wanderung bewirkten. Verschiedene ostslawische St√§mme wurden durch das zwischen Don und Wolga entstandene Chasarenreich (7.-10. Jahrhundert) unterworfen, das auch die seit dem 7. Jahrhundert an der mittleren Wolga ans√§ssigen Bulgaren (Wolgabulgaren) beherrschte.
 
 Anfänge der russischen Geschichte
 
Die altrussische Chronik (Nestorchronik) l√§sst die Geschichte Russlands mit der Herrschafts√ľbernahme war√§gischer F√ľrsten beginnen (Rus).
 
Die Ethnogenese der Ostslawen hat sich in einem polyethnischen Milieu und einem von Migrationen und Bev√∂lkerungsfluktuationen gekennzeichneten Raum abgespielt, der urspr√ľnglich im nord√∂stlichen Waldgebiet von finnougrischen, im s√ľdlichen von baltischen St√§mmen besiedelt war. Die Slawen sind nach dem Befund arch√§ologischer Grabungen wohl erst vom 6. Jahrhundert n. Chr. an in das obere und mittlere Flussgebiet des Dnjepr und der D√ľna sowie in das Gebiet um den Ilmensee zugewandert. Eine kompaktere slawische Landnahme im Zweistromgebiet zwischen Oka und oberer Wolga, dem Zentrum des sp√§teren Moskowitischen Russland, ist nicht vor dem Jahr 1000 anzusetzen.
 
Seit dem 8. Jahrhundert gerieten die slawischen St√§mme in den Einzugsbereich bewaffneter war√§gischer Fernkaufleute, die √ľber die D√ľna und den Wolchow in das Stromgebiet von Wolga und Dnjepr gelangt waren und die Handelsverbindung von der Ostsee nach Konstantinopel und in den Vorderen Orient herstellten. Sie l√∂sten - nach der ¬ĽBerufungssage¬ę der russischen Chronik auf Einladung der slawischen und finnischen St√§mme - die Burgherrschaften einheimischer F√ľrsten ab und errichteten entlang der Handelsstra√üen seit dem 9. Jahrhundert befestigte St√ľtzpunkte. Die Ankunft Ruriks mit seinen Br√ľdern Sineus und Truwor wird auf das Jahr 862 datiert. Im Jahre 882 soll der Nachfolger Ruriks, Oleg, mit seinem Zug nach Kiew die Vereinigung der beiden n√∂rdlichen und s√ľdlichen Herrschaftsbereiche der war√§gischen F√ľrsten hergestellt haben.
 
 Das Kiewer Reich
 
Das Kiewer Reich war anfangs nur ein loser Verbund einzelner F√ľrstenherrschaften, die sich um den Kiewer F√ľrstensitz gruppierten. Der Gro√üf√ľrst hatte als Primus inter Pares bis in die 2. H√§lfte des 11. Jahrhunderts mit Nowgorod als Nebenland eine herausgehobene Position. Er st√ľtzte sich auf eine bewaffnete Gefolgschaft (Druschina) meist skandinavischer Herkunft und lebte von Kriegs- und Beutez√ľgen, von den gewaltsam eingetriebenen Abgaben der slawischen St√§mme und vom Verkauf der Landesprodukte (Honig, Wachs, Felle) auf den mediterranen M√§rkten (Konstantinopel, Wolgabulgaren, Kalifenreich). Vertr√§ge mit den byzantinischen Kaisern, die unter den Kiewer F√ľrsten Oleg (bis 912) und Igor (912-945) ausgehandelt worden waren (907 beziehungsweise 911, 944), sicherten diesen Gewinn bringenden Austausch. Die f√ľr ihren Sohn regierende F√ľrstin Olga (945-969) schuf die Grundlage einer festeren Verwaltungsordnung, bem√ľhte sich aber nach ihrer Taufe vergebens um eine Christianisierung des Landes. In der 2. H√§lfte des 10. Jahrhunderts setzte sich das slawische Element der Bev√∂lkerungsmehrheit auch unter der herrschenden Schicht immer mehr durch. Der Sohn Olgas, Swjatoslaw (945/969-972), war der erste Kiewer F√ľrst mit slawischem Namen. Er unternahm ausgedehnte Kriegsz√ľge nach Osten (Kaukasus, Krim) und auf den Balkan (Bulgarien). 965 zerschlug er das Chasarenreich und beseitigte damit ungewollt einen wirksamen Schutz vor den Steppenv√∂lkern. 968 erschienen die Petschenegen erstmals vor Kiew und er√∂ffneten einen jahrhundertelangen wechselvollen Kampf in S√ľdrussland.
 
√úber die regen Handelskontakte mit Byzanz fand das Christentum Eingang in Kiew, das Wladimir der Heilige (978-1015) durch die F√ľrstentaufe von 988 und die anschlie√üende Zwangsbekehrung der Bev√∂lkerung zur offiziellen Staatsreligion erhob. Die Heirat Wladimirs mit Anna, der Schwester des byzantinischen Kaisers Basileios II., war ein beachtlicher Prestigegewinn f√ľr die herrschende Dynastie. Durch Vermittlung der bulgarischen Kirche und griechischer Kirchenm√§nner und K√ľnstler verbreiteten sich am Kiewer Hof eine christliche Kulturtradition nach byzantinischem Vorbild und eine kirchlich gepr√§gte Schriftlichkeit (russische Literatur). Jaroslaw der Weise (1019-54) setzte dieses Werk fort mit repr√§sentativen Kirchen- und Klosterbauten (Sophienkathedralen in Kiew und Nowgorod), mit bildungsf√∂rdernden Ma√ünahmen, mit der Festigung der kirchlichen Organisationsstruktur (russische Metropolie im jurisdiktionellen Verband des Patriarchats von Konstantinopel) und mit der Kodifizierung der rechtlichen √úberlieferungen (¬ĽRusskaja prawda¬ę). Durch eine gezielte Heiratspolitik festigte er die Beziehungen zu f√ľhrenden europ√§ischen F√ľrstenh√§usern. Die von ihm erlassene Thronfolgeordnung nach dem Senioratsprinzip konnte Uneinigkeiten unter seinen Nachkommen und den Zerfall der politischen Einheit jedoch nicht verhindern. Das Kiewer Reich l√∂ste sich in konkurrierende Teilf√ľrstent√ľmer auf, der Adel wurde sesshaft und wandelte sich zu einer Grund besitzenden Oberschicht. Nur vor√ľbergehend konnte Wladimir II. Monomach (1113-25) noch einmal die Gesamtstaatsidee verwirklichen.
 
¬†Die Zeit der Teilf√ľrstent√ľmer (1169-1240)
 
Der F√ľrstentag zu Ljubetsch 1097 hatte erstmals die Souver√§nit√§t der F√ľrsten in ihrem jeweiligen ¬ĽVatererbe¬ę (Wottschina) best√§tigt. Im 12. Jahrhundert bildeten sich eigenst√§ndige Machtzentren in den Randzonen heraus: im Nordwesten das durch die √ľberseeischen Verbindungen beg√ľnstigte Nowgorod, im Westen Polozk, im S√ľdwesten Galitsch-Wladimir und im Nordosten zwischen Oka und oberer Wolga Wladimir-Susdal, das unter dem ¬ĽSt√§dtegr√ľnder¬ę Jurij Dolgorukij (‚úĚ 1157) seinen Aufstieg nahm. 1169 brannte dessen Sohn Andrej Bogoljubskij (1157-74) Kiew nieder und verlegte die gro√üf√ľrstliche Residenz in das entfernte Bogoljubowo, das er nach dem Vorbild staufischer Pfalzen ausbauen lie√ü. In den einzelnen Teilen entwickelten sich unterschiedliche politische Strukturen: Im Kiewer Reich waren die wesentlichen politischen Entscheidungen im Zusammenwirken des F√ľrsten mit den Bojaren (aristrokratisches Element) und den kirchlichen W√ľrdentr√§gern sowie der Volksvertretung (Wetsche) in den St√§dten (demokratisches Element) getroffen worden, nunmehr √ľberwog im F√ľrstentum Galitsch das aristrokratische, im F√ľrstentum Wladimir-Susdal das monarchische und in Nowgorod das demokratische Element, das aber immer mehr durch das oligarchische Stadtregiment der reichen Grundbesitzer und Kaufleute √ľberlagert wurde. Die kleineren F√ľrstent√ľmer standen in der Regel unter dem Einfluss des milit√§risch m√§chtigsten F√ľrsten von Wladimir-Susdal. Ein Teil der westlichen F√ľrstent√ľmer orientierte sich im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts nach Litauen um. Die einheitliche Kirchenverfassung des Reiches blieb unter dem bis 1299 in Kiew residierenden Metropoliten erhalten.
 
 Die Mongolenherrschaft (1238/40-1480)
 
Das politisch zerst√ľckelte Kiewer Reich war dem Ansturm der aus dem Osten vordringenden Mongolen/Tataren nicht mehr gewachsen. Nach der Niederlage der Polowzer und Russen an der Kalka (1223) unterwarf Batu Khan, ein Enkel Dschingis Khans, 1237-40 die russischen F√ľrstent√ľmer (1238 Niederlage und Tod des Gro√üf√ľrsten von Wladimir, Jurij Wsewolodowitsch); nur Nowgorod blieb verschont, musste aber Tributzahlungen leisten. Batu Khan errichtete die Herrschaft der Goldenen Horde mit dem Zentrum in Saraj an der unteren Wolga. Die tatarischen Herren zogen ihre Truppen zur√ľck und begn√ľgten sich mit der Heerfolge der russischen F√ľrsten und der Eintreibung von Abgaben und Steuern. Sie lie√üen die bestehende politische Ordnung und die privilegierte Stellung der orthodoxen Kirche weitgehend unver√§ndert, behielten sich aber die jeweilige Best√§tigung der Herrschaftsrechte durch so genannte Jarlyki (Gnadenbriefe) vor. Unbotm√§√üigkeiten und Widerstand wurden durch Strafexpeditionen gnadenlos geahndet (1252 Gro√üf√ľrst Andrej Jaroslawitsch, 1258/59 Daniil von Galizien-Wolhynien, 1327 Twer). Durch seine geschickte Anpassungspolitik profitierte der Taktiker Alexander Newskij (‚úĚ 1263) von der Uneinigkeit der russischen F√ľrsten. Als F√ľrst von Nowgorod hatte er das st√§dtische Aufgebot erfolgreich gegen die Schweden (1240 an der Newa) und gegen den Deutschen Orden (1242 auf dem Eis des Peipussees) gef√ľhrt; 1252 verlieh ihm der Khan anstelle seines Bruders Andrej die Gro√üf√ľrstenw√ľrde in Wladimir-Susdal. Aus den erbitterten K√§mpfen unter seinen Nachkommen um die Vorherrschaft im nord√∂stlichen Russland ging schlie√ülich das kleine F√ľrstentum Moskau als Sieger hervor. Es war 1261 an den j√ľngsten Sohn Alexanders, Daniil Aleksandrowitsch (Daniel, Herrscher, Moskau), den Begr√ľnder der Moskauer Linie der Rurikiden (Danilowitschi), gefallen. Mithilfe der Tataren konnte es sich des m√§chtigsten Konkurrenten in Twer entledigen und durch eine erfolgreiche Arrondierungspolitik eine Machtbasis schaffen. Die Option der Kirche f√ľr das aufstrebende F√ľrstentum bedeutete einen zus√§tzlichen Prestigegewinn. 1299 hatte sich der Metropolit von Kiew in das nord√∂stliche Russland zur√ľckgezogen, 1325 lie√ü er sich endg√ľltig in Moskau nieder. Iwan I. Kalita (1328-41) gelang die dauerhafte Sicherung der Gro√üf√ľrstenw√ľrde, sein Enkel Dmitrij Donskoj (1359-89) konnte 1380 erstmals die Tataren in offener Feldschlacht auf dem ¬ĽSchnepfenfeld¬ę am Don (Kulikowo pole) schlagen. Der sich abzeichnende Machtverfall der Goldenen Horde beg√ľnstigte die Einigungsbestrebungen der Moskauer F√ľrsten (¬ĽSammlung der russischen Lande¬ę), doch erwuchs ihnen im litauischen Gro√üf√ľrstentum (seit 1386 in Personalunion mit Polen vereinigt) ein gef√§hrlicher Konkurrent, der noch im 14. Jahrhundert einen Gro√üteil der westrussischen Gebiete (unter Einschluss Kiews, 1362) an sich zog. Westrussland hat in der Folgezeit unter polnisch-kathischem Einfluss eine enger an Westeuropa angelehnte Entwicklung genommen. Durch die Einwirkung von Renaissance und Humanismus, von deutschem Stadtrecht und westlichen Bildungstraditionen ist die ethnisch-kulturelle Teilung der Ostslawen in Ukrainer, Wei√ürussen und Gro√ürussen vorbereitet worden. Seit der Durchsetzung der faktischen Autokephalie 1448 (Wahl des Metropoliten durch eine russische Bischofssynode ohne vorheriges Einverst√§ndnis des Patriarchen) und der Trennung von der Kiewer Metropolie 1458 (seither ¬ĽMetropolit von Moskau und ganz Russland¬ę) ging auch die Moskauer Kirche eigene Wege, die 1589 zur Errichtung eines Patriarchats f√ľhren sollten.
 
 Das Moskauer Reich (1480-1712)
 
Nach √úberwindung der dynastischen Krise von 1425 bis 1453, die mit √§u√üerster Grausamkeit unter den S√∂hnen und Enkeln Dmitrij Donskojs ausgetragen wurde, brachte der wohl bedeutendste Herrscher auf dem Moskauer Thron, Iwan III., der Gro√üe (1462-1505), das Moskauer Einigungswerk mit der Einverleibung von Jaroslawl (1463), Rostow (1474), Nowgorod (1478) und Twer (1485) weitgehend zum Abschluss. An der litauischen Front √ľbernahm Moskau erfolgreich die Initiative, und das so genannte Stehen an der Ugra 1480 beendete die 240-j√§hrige tatarische Fremdherrschaft. Das neue Selbstverst√§ndnis zeigte sich u. a. in der Kontaktaufnahme mit Westeuropa (besonders dem Kaiserhof in Wien) und im prunkvollen Ausbau des Kreml durch italienische Renaissancearchitekten. Moskau √∂ffnete sich im 16. Jahrhundert dem westlichen technischen Fortschritt und √ľbernahm westliche diplomatische Gepflogenheiten. Durch die Heirat (1472) Iwans III. mit Zo√ę Poleolog, der Nichte und n√§chsten lebenden Verwandten des letzten Kaisers von Byzanz, Konstantins XI., durch die √úbernahme von Teilen des byzantinischen Kr√∂nungszeremoniells und des byzantinischen Doppeladlers entwickelte Russland insbesondere unter Iwan IV., dem Schrecklichen (1533 beziehungsweise 1547-1584), eine den orthodoxen Traditionen verpflichtete imperiale Reichsidee, die erstmals von dem Pleskauer M√∂nch Filofej formuliert worden war (Theorie von Moskau als dem Dritten Rom) und in der vom Metropoliten Makarij inszenierten Zarenkr√∂nung von 1547 sowie einer aktiven antiislamischen Au√üenpolitik (Eroberung der Khanate von Kasan, 1552, und Astrachan, 1556) ihren Ausdruck fand. Die Entdeckung des n√∂rdlichen Seeweges durch R. Chancellor (1553) er√∂ffnete einen ersten ungehinderten Zugang zum Westen, und der von den Stroganows organisierte Zug der Kosaken unter Jermak Timofejewitsch nach Westsibirien (1582 Sieg √ľber den Khan von Sibirien) leitete eine gewaltige Expansionsbewegung ein, die bis an den Pazifik (und schlie√ülich auf den nordamerikanischen Kontinent) und an die Grenzen Chinas (1689 Vertrag von Nertschinsk) vorgetragen wurde. Iwan IV. hat jedoch die Erfolge seiner Reformpolitik (Einrichtung von Zentral√§mtern, so genannte Prikase, Rechtskodifikation, Schaffung eines gef√ľgigen Dienstadels, Heeresreform) durch die Schreckensherrschaft der Opritschnina und die milit√§rische Niederlage im Livl√§ndischen Krieg (1558-82/83) zunichte gemacht. Er hinterlie√ü ein ruiniertes Land. Die Regentschaft f√ľr seinen regierungsunf√§higen Sohn Fjodor I. Iwanowitsch √ľbernahm dessen tatkr√§ftiger Schwager Boris Godunow, der sich nach Fjodors Tod (1598) zum Zaren kr√∂nen lie√ü, die desolate wirtschaftliche Lage aber nicht entscheidend verbessern konnte. Nach seinem Tod (1605) kam es zu einer wirtschaftlichen, dann auch zu einer sozialen und politischen Krise, in der sich die Herrscher in rascher Folge abl√∂sten (¬ĽZeit der Wirren¬ę, Smuta). Die Eroberungen im Westen gingen wieder verloren; 1610 besetzten die Polen Moskau, das 1612 durch eine in Nischnij Nowgorod aufgestellte Landwehr unter K. Minin und F√ľrst D. M. Poscharskij befreit werden konnte. Erst mit der Wahl Michaels, des Begr√ľnders der Dynastie der Romanows, durch eine Reichsversammlung (1613) und die R√ľckkehr seines Vaters Filaret aus polnischer Gefangenschaft (1619) trat eine Wende ein. Als Patriarch der russischen Kirche und faktischer Leiter der Politik (bis 1633) stellte Filaret die Autokratie wieder her. Seine Nachfolger mussten sie gegen den wachsenden Unwillen der unteren Bev√∂lkerungsschichten (Bauern, Dienst- und Stadtleute, Kosaken und Fremdst√§mmige in den Randprovinzen) behaupten, die die Lasten der wirtschafts- und sozialpolitischen Ma√ünahmen zu tragen hatten (Moskauer Aufstand von 1648, Nowgoroder Aufstand von 1650, Kupfergeldaufstand von 1662, Bauernaufst√§nde u. a. unter S. Rasin 1670, Strelitzenaufst√§nde 1682 und 1698). Filarets Enkel Aleksej Michajlowitsch (1645-76) sah sich im Gesetzbuch von 1649 (¬ĽUloschenije¬ę) zu Zugest√§ndnissen an den Dienstadel und die St√§dter und zur Beschneidung von Vorrechten der Bojaren und der orthodoxen Kirche gezwungen, brachte aber gleichzeitig die Leibeigenschaft mit der endg√ľltigen Fixierung der Bauern an die Scholle zu einem rechtlichen Abschluss. Die kirchlichen Reformen des Patriarchen Nikon f√ľhrten seit den 50er-Jahren des 17. Jahrhunderts zu einem verh√§ngisvollen Schisma und zur Trennung der Altgl√§ubigen (Raskolniki) von der Staatskirche, die sich als H√ľterin der mittelalterlichen russischen Lebensformen immer mehr gegen westeurop√§isches Gedankengut und gegen jegliche Modernisierung in Technik und Organisation abschirmte.
 
In der Au√üenpolitik hielten die Romanows an dem Ziel der Vereinigung aller russischen L√§nder fest. Im Krieg gegen Polen-Litauen (1654-67), der sich aus dem gro√üen Kosakenaufstand des B. Chmelnizkij von 1648 entwickelt hatte, wurde die Ukraine links des Dnjepr mit Kiew gewonnen (Vertrag von Perejaslaw mit den Kosaken 1654) und im ¬Ľewigen Frieden¬ę von Moskau (1686) behauptet. Er besiegelte den Beitritt Moskaus zur antit√ľrkischen Allianz (¬ĽHeilige Liga¬ę) zwischen dem Heiligen R√∂mischen Reich, Polen und Venedig und schuf die Voraussetzung f√ľr eine aktive Europa- und Balkanpolitik Russlands im 18. und 19. Jahrhundert.
 
 Die Petersburger Periode (1703/12-1917)
 
Eine starke Verdichtung des europ√§ischen Interessengeflechts brachte der von Peter I., dem Gro√üen, entfesselte Gro√üe Nordische Krieg (1700-21), der Schweden endg√ľltig als Vormacht in der Ostsee abl√∂ste und Russland den Weg nach Europa ebnete. Peter eroberte 1710 Riga und Reval und gewann durch Vertr√§ge mit den St√§ndevertretungen (best√§tigt im Frieden von Nystad 1721) einen bedeutenden Teil der Ostseek√ľste (Livland, Estland, Ingermanland, Karel. Landenge mit Wyborg und die Inseln √Ėsel, Moen und Dag√∂). Mit der Gr√ľndung von Sankt Petersburg (1703), das 1712 Hauptstadt wurde, verlagerte sich das Reichszentrum in den √§u√üersten Nordwesten. Aus dem Westen bezog der Zar, der 1721 den Kaisertitel (Imperator) annahm, Anregungen und technische Hilfe f√ľr sein aufwendiges Reformprogramm, das tief greifende Ver√§nderungen in der staatlichen Verwaltung und im gesellschaftlichen Leben bewirkte. An die Stelle der Prikase trat 1718-22 ein zentralisiertes Verwaltungssystem unter den in Fachressorts aufgeteilten Kollegien. Der 1711 mit beschr√§nkten Aufgaben geschaffene Senat wurde nach und nach zum obersten Aufsichts- und Koordinierungsorgan. Spezielle Aufsichtsbeamte (Fiskale, seit 1711) sollten Verwaltung und Justiz beaufsichtigen und Amtsmissbrauch ahnden. Das ¬ĽGeistliche Reglement¬ę (1722) ersetzte den Patriarchen durch den Heiligen Synod, eine staatlich kontrollierte Kollegialbeh√∂rde unter Leitung des Oberprokurors. Die Rangtabelle (Tschin, 1722) mit ihren 14 Klassen der Dienstgrade (√Ąmter) stellte den gesamten Staatsdienst auf das Verdienstprinzip um und sollte mit der Gew√§hrung des pers√∂nlichen Adels in den unteren R√§ngen und des erblichen Adels in den oberen R√§ngen (zun√§chst ab 8. Klasse, sp√§ter reduziert auf 5., seit 1856 auf 4. Klasse im Zivildienst) den alten Geburtsadel durch eine professionelle Adelsb√ľrokratie erg√§nzen. Andere Ma√ünahmen - Einerbfolge (1714), Selbstverwaltungseinrichtungen nach dem Vorbild der Ostseeprovinzen, Schulpolitik - blieben weit hinter den Erwartungen zur√ľck. Die Einf√ľhrung der Kopfsteuer (1724, anstelle der bisherigen H√∂festeuer) f√∂rderte eine weitere Nivellierung des Bauernstandes, der wachsende Steuerdruck verst√§rkte die Abh√§ngigkeit von den Herren. Im Ergebnis vertiefte sich seit Peter dem Gro√üen der Dualismus der russischen Sozialstruktur: Neben der lastentragenden und dienenden Schicht, die kaum noch Rechtsschutz genoss und in wiederholten Aufst√§nden (u. a. unter K. A. Bulawin, 1707-08, und J. J. Pugatschow, 1773-75) vergeblich rebellierte, stand der privilegierte Adel, der 1762 unter Peter III. vom Dienstzwang befreit wurde und sich in Sitte, Sprache und Denkweise immer mehr vom einfachen Volk entfernte.
 
Die von Peter dem Gro√üen eingeleitete Modernisierung Russlands blieb vom Zuzug ausl√§ndischer Fachkr√§fte abh√§ngig. Der 1725 in Sankt Petersburg er√∂ffneten Akademie der Wissenschaften geh√∂rten im 18. Jahrhundert vornehmlich ausl√§ndische Gelehrte an (unter 111 waren 68 deutscher Muttersprache, nur 26 Russen), ein Drittel der hohen Beamtenschaft bis 1917 hatte westeurop√§ische Namen. Unter den Nachfolgern Peters des Gro√üen wurde die Integration Russlands in das entstehende System der europ√§ischen Pentarchie zum Abschluss gebracht. Unter der Kaiserin Anna (1730-40) nahm Russland am Polnischen Thronfolgekrieg teil, unter Elisabeth (1741-62) am Siebenj√§hrigen Krieg, in dessen Verlauf Ostpreu√üen (1757-62) und Berlin (1760) von russischen Truppen besetzt wurden. Der √ľberraschende Friedensschluss Peters III. mit Preu√üen (1762) rettete Friedrich den Gro√üen aus einer t√∂dlichen Umklammerung. Die europ√§ische Hegemonialstellung der √∂stlichen Kaisermacht, die ihr im Frieden von Teschen (1779) ein Mitspracherecht in den deutschen Angelegenheiten garantierte, wurde endg√ľltig unter Katharina II. (1762-96) begr√ľndet. Sie erreichte in den T√ľrkenkriegen Russlands 1768-74 und 1787-92 einen breiten Zugang zur Nordk√ľste des Schwarzen Meeres, annektierte 1783 die Krim und erwarb durch die Polnischen Teilungen (1772, 1793, 1795) die ostpolnischen Gebiete mit mehrheitlich ostslawischer, griechisch-orthodoxer Bev√∂lkerung sowie Litauen und Kurland (1795). Weniger Erfolg hatte die Monarchin, die sich in ihrem Regierungsprogramm an fortschrittlichen aufkl√§rerischen Ideen orientierte (Gro√üe Instruktion/Nakas von 1767 f√ľr die Arbeit der Gesetzgebungskommission, Gr√ľndung der Freien √Ėkonomischen Gesellschaft, 1765), mit ihrer Reformpolitik. Die Leibeigenschaft wurde nicht beseitigt. Es blieb bei administrativen Verbesserungen (Gouvernementsreform 1775, Stadtreform von 1785 mit Ans√§tzen einer st√§dtischen Selbstverwaltung) und fortschrittlichen bildungspolitischen Ma√ünahmen (Schuleinrichtungskommission, 1782) in Anlehnung an das √∂sterreichische Vorbild der Normalschule. Zur Sicherung der Herrschaft - insbesondere nach dem Pugatschow-Aufstand (1773-75) - sah sie sich zu weiteren Zugest√§ndnissen an den Adel (Gnadenurkunde von 1785) und zu Eingriffen in die innere Autonomie der Randgebiete (Beseitigung der Kosakenfreiheit, 1775, Ausdehnung der Leibeigenschaft auf die ostukrainischen Gebiete und Einschr√§nkung der Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen, 1783) gen√∂tigt. Paul I. (1796-1801) setzte die Expansionspolitik seiner Mutter fort (1801 Annexion Georgiens) und beteiligte sich zun√§chst am Koalitionskrieg gegen Napoleon I. (Alpen√ľberquerung A. W. Suworows, 1799; russisch-t√ľrkisches Kondominium √ľber die Ionischen Inseln, 1799-1807), im Innern versuchte er vergeblich, gegen den Adel eine bauernfreundlichere Politik durchzusetzen. Sein durch eine Palastrevolution an die Macht gelangter Sohn Alexander I. (1801-25) sicherte Russland nach dem Scheitern der Koalitionskriege 1805 zun√§chst im B√ľndnis mit Napoleon (Friede von Tilsit, 1807), dann als dessen erbitterter Gegner (Russischer Feldzug von 1812) eine beherrschende Stellung auf dem Kontinent (¬ĽBefreier Europas¬ę). Er gewann 1809 das Gro√üf√ľrstentum Finnland, 1812 Bessarabien, 1813 Dagestan/Aserbaidschan und 1815 auf dem Wiener Kongress das ¬ĽK√∂nigreich Polen¬ę (Kongresspolen). Im Innern f√∂rderte Alexander I. in der ersten Regierungsh√§lfte eine an liberalen, rechtsstaatlichen Grunds√§tzen orientierte Reformpolitik, die u. a. eine Neuorganisation der Staatsverwaltung (Einrichtung von Fachministerien 1802) und des Bildungssystems (1804-05) einleitete; seit dem Wiener Kongress (1815) wurde er als Initiator der Heiligen Allianz mit F√ľrst Metternich zum Wahrer der monarchischen Ordnung in Europa und unterst√ľtzte seit 1820 die antiliberale und antirevolution√§re Interventionspolitik. Unter Nikolaus I. (1825-55) wurde Russland nach der Niederschlagung des Aufstandes der Dekabristen (1825) und der Erhebung in Polen (1830) zum ¬ĽGendarm Europas¬ę und im Verbund mit √Ėsterreich und Preu√üen zur konservativen Vormacht. Einerseits hatte der Kaiser im griechischen Freiheitskampf (1821-29) aus humanit√§ren Gr√ľnden gemeinsam mit den Westm√§chten den bedr√§ngten Glaubensbr√ľdern die Truppenhilfe gegen das Osmanische Reich nicht versagt; andererseits lie√ü er 1849 auf √∂sterreichisches Ersuchen den ungarischen Aufstand niederwerfen. Seine Staatsideologie gr√ľndete er auf die Prinzipien von Autokratie, Orthodoxie und Volkstum (¬ĽUwarowsche Trinit√§t¬ę). Mit der Kodifizierung der Reichsgesetze schuf M. M. Speranskij 1830 die Voraussetzungen f√ľr eine rechtsstaatliche Ordnung. Trotz polizei- und beamtenstaatlicher √úberwachung brachte die Regierungszeit Nikolaus' I. eine starke, wenn auch zum Teil nicht√∂ffentliche Entfaltung des geistigen Lebens (Auseinandersetzung zwischen Slawophilen und Westlern) und eine erste Bl√ľte der Literatur (A. S. Puschkin, M. J. Lermontow, N. W. Gogol). Kennzeichnend blieb seitdem aber f√ľr die Intelligenzschicht eine wachsende Entfremdung vom Staat und eine an der Freiheitsforderung orientierte systemkritische Oppositionshaltung. Die milit√§rische Niederlage im Krimkrieg (1853/54-56) gegen die Westm√§chte, die im Frieden von Paris (1856) u. a. die Entmilitarisierung der Schwarzmeerk√ľste (¬ĽPontusklauseln¬ę) erzwangen, beendete die russische Hegemonialstellung. Alexander II. (1855-81) leitete in der ¬ĽNeuen √Ąra¬ę eine folgenreiche Reformpolitik ein. Auf die endlich vollzogene Bauernbefreiung (Aufhebung der Leibeigenschaft der gutsherrlichen Bauern, 1861) folgten 1863 eine begrenzte Universit√§tsautonomie (1884 wieder durch strenge Staatsaufsicht ersetzt), die Einrichtung gew√§hlter l√§ndlicher Selbstverwaltungseinheiten (Semstwo, 1864), die Modernisierung des Justizwesens (1864), die Lockerung der Zensur (1865), die Reform der st√§dtischen Selbstverwaltung auf der Grundlage des Dreiklassenwahlrechts (1870) und eine Heeresreform mit der Einf√ľhrung der allgemeinen Wehrpflicht (1870). In der Au√üenpolitik setzte Russland die Expansion nach Osten fort (1860 Gr√ľndung von Wladiwostok). China musste in den Vertr√§gen von Aigun (1858) und Peking (1860) Amur und Ussuri als Grenze anerkennen, 1875 wurde S√ľdsachalin von Japan gegen die Kurilen eingetauscht. In Innerasien r√ľckte Russland bis an die Grenze Persiens und Afghanistans vor (1864 Turkestan, 1865 Taschkent, 1868 Samarkand, 1873 Chiwa, 1876 Kokand), w√§hrend die Vorposten auf dem nordamerikanischen Kontinent (Russisch-Amerika) wieder ger√§umt wurden (Verkauf von Alaska und der Aleuten an die USA, 1867). Im Kaukasus musste in jahrzehntelangen K√§mpfen (bis 1859) der Widerstand der Bergv√∂lker niedergerungen werden. Der zweite polnische Aufstand (1863) hatte eine Welle des russischen Nationalismus ausgel√∂st. Dank der g√ľnstigen Konstellation des Deutsch-Franz√∂sischen Krieges von 1870/71 konnten die diskriminierenden Pontusklauseln 1871 aufgehoben werden. Eine panslawistische Stimmung dr√§ngte die Regierung in der Orientkrise der 70er-Jahre zu einer aktiven Balkanpolitik und zum Russisch-T√ľrkischen Krieg 1877-78, dessen im Vorfrieden von San Stefano erzieltes g√ľnstiges Ergebnis unter dem Druck Gro√übritanniens und √Ėsterreich-Ungarns auf dem Berliner Kongress 1878 modifiziert werden musste.
 
Eine dauerhafte Vers√∂hnung mit den fortschrittlichen gesellschaftlichen Kr√§ften gelang dem Zarismus nicht. Unter dem Eindruck der negativen sozialen Folgen der eingeleiteten Reformma√ünahmen ging die aufkl√§rerisch-idealistische Bewegung der Narodniki seit 1878 in den revolution√§ren Terrorismus der Narodnaja Wolja √ľber, dem Alexander II. 1881 zum Opfer fiel. Alexander III. (1881-94) kehrte zur staatlichen Repressionspolitik zur√ľck, die sich immer mehr mit einer sprachlichen und institutionellen Russifizierung der Randgebiete (Polen, Ostseeprovinzen, Finnland) verband. In der Au√üenpolitik hielt Russland trotz fortdauernder Spannungen mit √Ėsterreich-Ungarn und zeitweilig auch mit dem Deutschen Reich (Krieg-in-Sicht-Krise, 1875) an der Dreikaiserpolitik fest. 1890 f√ľhrte die Ablehnung Deutschlands, den R√ľckversicherungsvertrag zu erneuern, zu der von Au√üenminister N. K. Giers geschlossenen russisch-franz√∂sischen Allianz (1891 Konsultativabkommen, 1893 Zweiverband) als Gegengewicht zum Dreibund. Mit dem 1891 begonnenen Bau der Transsibirischen Eisenbahn (Transsib) setzte die wirtschaftliche Erschlie√üung Sibiriens bis zum Fernen Osten ein. Die russische imperialistisch-kapitalistische Wirtschaftsexpansion in der Mandschurei und in Korea f√ľhrte zu wachsenden Spannungen mit Japan (Russisch-Japanischer Krieg 1904-05) und mit Gro√übritannien. Sie konnten erst durch die Abgrenzung der britisch-russischen Interessensph√§ren in Innerasien (Persien, Afghanistan, Tibet) im Vertrag von Sankt Petersburg (1907) und in den russisch-japanischen Vereinbarungen √ľber Korea, die Mandschurei und die Mongolei (1907/10) beigelegt werden. Auf dem Balkan erlitt Russland in der bosnischen Annexionskrise (1908-09) eine diplomatische Niederlage und verlor seinen Einfluss in Bulgarien, das sich enger an den Rivalen √Ėsterreich-Ungarn anschloss. Der Prestigeverlust war auch durch die Bem√ľhungen um eine Balkankonf√∂deration, die in den Balkankriegen 1912-13 scheiterte, nicht mehr auszugleichen. Nach der Ermordung des √∂sterreichischen Thronfolgerpaares in Sarajevo (28. 6. 1914) kam es durch die fr√ľhzeitige Generalmobilmachung Russlands (30. 7. 1914) zur deutschen Kriegserkl√§rung (1. 8.), wodurch sich der zun√§chst begrenzte Konflikt zwischen Serbien und √Ėsterreich-Ungarn ausweitete. Der Erste Weltkrieg f√ľhrte zum Untergang des zaristischen Herrschaftssystems in der Februar- beziehungsweise der Oktoberrevolution des Jahres 1917.
 
Der Zarismus scheiterte an den ungel√∂sten inneren Konflikten. Seit etwa 1890 wurde Russland infolge des Eisenbahnbaus, der Schutzzollpolitik des Finanzministers S. J. Witte und steigender Auslandsanleihen von einer beschleunigten Industrialisierung erfasst, ohne allerdings seinen agrarischen Charakter zu verlieren (bis 1917 etwa 80 % Agrarbev√∂lkerung). Die negativen sozialen Begleiterscheinungen lie√üen sich auch durch Arbeiterschutzgesetze (seit 1882) und durch die Einrichtung einer Fabrikinspektion nicht verhindern. Die Industriearbeiterschaft, die sich nur allm√§hlich aus den vielfachen Bindungen an das Dorf l√∂sen konnte, konzentrierte sich vornehmlich in den hauptst√§dtischen Gro√übetrieben und in der S√ľdukraine; sie stieg bis 1913 auf 3,1 Mio. (seit 1890 mehr als verdoppelt) an. Trotz enormer Zuwachsraten in der Industrieproduktion (besonders Metall- und Textilindustrie) erwirtschaftete die Landwirtschaft noch 1913 51,4 % des Volkseinkommens (Industrie 28 %); der Hauptposten des russischen Exports kam weiterhin aus der Landwirtschaft (vor 1914 Getreide 44 %, Vieh und Holz 22 %, Industrieprodukte knapp 10 %), m√∂glich nur durch den Konsumverzicht der breiten Massen. Da Industrialisierung und Kapitalbildung auf die Steigerung der landwirtschaftlichen √úberschussproduktion angewiesen waren, blieb die √úberwindung der permanenten Agrarkrise das √∂konomische Hauptproblem. Die von Ministerpr√§sident P. A. Stolypin 1906 begonnene grundlegende Agrarreform betrieb die Aufl√∂sung der Bauerngemeinde (Mir); sie strebte die Konsolidierung des b√§uerlichen Privateigentums und eine St√§rkung lebensf√§higer Mittelbetriebe an, blieb aber wegen der Ermordung des Ministerpr√§sidenten (1911) und des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges stecken. Obwohl nur etwa ein F√ľnftel der Bauern (28 % der H√∂fe, 14 % der L√§ndereien) zur neuen Besitzform √ľbergegangen war, befand sich 1917 immerhin √ľber die H√§lfte der Bauernh√∂fe in Privatbesitz. Ein wachsender Landhunger sorgte f√ľr sozialen Z√ľndstoff auf den D√∂rfern und trieb ein hungerndes Landproletariat in die Industriezentren und St√§dte. Die st√§dtische Bev√∂lkerung stieg zwischen 1867 und 1916 um das Vierfache an (von 6,7 Mio. auf 25,8 Mio., das ist, bezogen auf die Gesamtbev√∂lkerung, ein Anstieg von 10 % auf 21 %) und verdoppelte sich allein zwischen 1897 und 1916.
 
Seit den 1890er-Jahren war in Russland in revolution√§ren Zirkeln (Lenin, L. Martow) sowie in Exilgruppen (G. W. Plechanow) der Marxismus rezipiert und der Aufbau illegaler Parteiorganisationen betrieben worden. 1897 entstand als erste √ľberregionale sozialdemokratische Organisation der ¬ĽAllgemeine j√ľdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland¬ę, 1898 wurde in Minsk die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands gegr√ľndet (Bolschewiki, Menschewiki). Aus den terroristischen Narodniki-Gruppen gingen 1902 die Sozialrevolution√§re hervor. Die Agitation der revolution√§ren Gruppierungen im Untergrund hat - zusammen mit der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft, dem Landhunger der Bauern, den Verfassungsforderungen der Intelligenz und der liberalen Semstwo-Bewegung sowie dem sich in den Randprovinzen organisierenden Widerstand der Nationalit√§ten gegen den Russifizierungsdruck - nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg (1904-05) und dem Versagen der Regierung gegen√ľber der Massendemonstration in Sankt Petersburg (¬ĽBlutsonntag¬ę, 22. 1. 1905) schlie√ülich zur Revolution gef√ľhrt. In Sankt Petersburg konstituierte sich erstmals im Oktober aus den Streikkomitees ein Rat (¬ĽSowjet¬ę) der Arbeiterdeputierten. Der von allen gesellschaftlichen Gruppen getragene Generalstreik zwang den Kaiser zu Zugest√§ndnissen. Das Oktobermanifest (30. 10. 1905), das die b√ľrgerlichen Grundrechte (Versammlungs-, Presse-, Rede- und Koalitionsfreiheit) gew√§hrte und eine Volksvertretung mit Gesetzgebungskompetenz (Duma) in Aussicht stellte, erf√ľllte wesentliche Forderungen der liberalen Opposition (Kadetten, Oktobristen). Die insbesondere von den Bolschewiki weitergef√ľhrten Unruhen (u. a. Aufstand in Moskau, Dezember 1905) und spontane Bauernerhebungen wurden niedergeschlagen. Vor dem Zusammentritt der ersten Duma konnte Nikolaus II. mit der Neuausgabe der ¬ĽReichsgrundgesetze¬ę (6. 5. 1906) eine Verfassungsform oktroyieren, die als Gegengewicht zur Reichsduma einen Reichsrat mit zum Teil ernannten Mitgliedern und praktisch den gleichen Befugnissen schuf. Alle von der Duma erlassenen Gesetze bedurften der Genehmigung durch Kaiser und Reichsrat. Mit der √Ąnderung des Wahlrechts durch den Staatsstreich vom 3. 6. 1907 zugunsten der besitzenden Klassen (die erste und zweite Duma waren wegen ihrer oppositionellen Haltung vorzeitig aufgel√∂st worden) besorgte sich Nikolaus II. loyale konservative Mehrheiten. Die Zeit dieses ¬ĽScheinkonstitutionalismus¬ę (M. Weber) hat trotz aller obrigkeitlichen Beschr√§nkungen der parlamentarischen Rechte immerhin die Entfaltung politischer √Ėffentlichkeit in Russland gef√∂rdert und organisatorische Voraussetzungen f√ľr die Abl√∂sung des Zarismus geschaffen.
 
Den Belastungen des Ersten Weltkrieges war Russland wirtschaftlich und technisch auf Dauer nicht gewachsen. 1915 zwangen schwere milit√§rische Niederlagen die russische Armee zum R√ľckzug: Polen, Litauen und Kurland mussten ger√§umt werden. Die wirtschaftliche Katastrophe f√ľhrte schlie√ülich zum Zusammenbruch der Monarchie. Massendemonstrationen in Petrograd, die sich seit 8. 3. 1917 zu einem allgemeinen Arbeiter- und Soldatenaufstand ausweiteten (Februarrevolution), erzwangen am 15. 3. 1917 die Abdankung Nikolaus' II. Die Regierungsverantwortung √ľbernahm bis zum Zusammentritt einer verfassunggebenden Versammlung eine vom Provisorischen Dumakomitee proklamierte Provisorische Regierung unter F√ľrst G. J. Lwow. Die Handlungsf√§higkeit dieser b√ľrgerlichen Regierung war von Anfang an eingeschr√§nkt durch den Kontrollanspruch des Petrograder Rates (Sowjets) der Arbeiter- und Soldatendeputierten (¬ĽDoppelherrschaft¬ę). Mit seiner in den ¬ĽAprilthesen¬ę erhobenen Forderung ¬ĽAlle Macht den R√§ten!¬ę bereitete Lenin die alleinige Macht√ľbernahme durch die Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 vor. Am 26. 10. (8. 11.) 1917 wurde im Petrograder Smolnyj die erste Sowjetregierung (Rat der Volkskommissare) unter dem Vorsitz Lenins gebildet, die hier bis zur Verlegung der Hauptstadt nach Moskau (M√§rz 1918) ihren Sitz hatte. Infolge des Ersten Weltkrieges befand sich der zaristische Vielv√∂lkerstaat in Aufl√∂sung; Finnland erkl√§rte 1917 seine staatliche Unabh√§ngigkeit, die baltischen Gebiete, die Ukraine, Wei√ürussland, Georgien u. a. folgten nach.
 
¬†Die ¬ĽRussische Sozialistische F√∂derative Sowjetrepublik¬ę
 
Am 10. 7. 1918 wurde die erste Verfassung der Russischen Sozialistischen F√∂derativen Sowjetrepublik (RSFSR) angenommen; 1918-20/21 musste sich Sowjetrussland eines von den wei√ügardistischen Armeen ausgel√∂sten B√ľrgerkriegs und einer Intervention der Ententem√§chte sowie Deutschlands und Polens erwehren. Mit dem bolschewistischen Sieg wurden auch verschiedene Gebiete des ehemaligen russischen Imperiums, die sich bereits f√ľr unabh√§ngig proklamiert hatten, von sowjetrussischen Truppen besetzt (Kaukasien, die Ukraine und Wei√ürussland). Die RSFSR war f√ľhrendes Gr√ľndungsmitglied der am 30. 12. 1922 zusammen mit der Ukraine, Wei√ürussland und der Transkaukasischen F√∂deration gebildeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR); sie dominierte von Anfang an die gesamte Entwicklung der Sowjetunion. Die russische Zentralgewalt gew√§hrte den einzelnen Republiken und Nationalit√§ten (Verfassung von 1924, auch in den sp√§teren von 1936 und 1977) zwar formal Selbstverwaltungs- beziehungsweise Autonomierechte, jedoch wurden √ľberall einheitliche kommunistische Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen durchgesetzt und die Entwicklung an den von der Zentralmacht und der KPdSU vorgegebenen zentralen Zielen der Sowjetunion ausgerichtet. Russisch wurde Amts- und Verkehrssprache in der gesamten Union; die in den nichtrussischen Republiken angesiedelten russischen Bev√∂lkerungsteile stellten dort die politische und wirtschaftliche Elite. Die 1917 gebildete Tscheka war der Beginn einer st√§ndig m√§chtiger werdenden (wiederholt den Namen wechselnden) politischen Geheimpolizei, die als Repressivorgan des Stalinismus jegliche Opposition oder politische Abweichung verfolgte und seit den 1930er-Jahren √ľber ein gro√ües Straflagersystem (GULAG) verf√ľgte.
 
In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden im Rahmen der Industrialisierung zahlreiche Betriebe in der RSFSR errichtet. Im Zweiten Weltkrieg war Russland ab 1941 der osteurop√§ische Hauptkriegsschauplatz; der zun√§chst rasche Vorsto√ü deutscher Truppen bis weit ins Territorium der RSFSR hinein wurde im Dezember 1941 vor Moskau gestoppt; entscheidende Niederlagen erlitt die deutsche Wehrmacht 1942/43 bei Stalingrad und 1943 bei Kursk; 1944 hatte die Rote Armee das Territorium der RSFSR befreit. Die 1924 innerhalb der RSFSR gegr√ľndete Wolgadeutsche Republik wurde 1941 aufgel√∂st (unter dem zu Unrecht erhobenen Vorwurf der kollektiven Kollaboration mit Deutschland); die Russlanddeutschen wurden zwangsweise umgesiedelt. Das 1945 annektierte n√∂rdliche Ostpreu√üen wurde als Gebiet Kaliningrad der RSFSR eingegliedert, 1954 die Krim per Beschluss des Obersten Sowjets aus der RSFSR herausgel√∂st und der Ukraine zugeschlagen; nach Umbildung der Karelofinnischen SSR in die Karelische ASSR (1956) kam diese zur RSFSR.
 
Als die von M. S. Gorbatschow 1985 eingeleitete Politik von Glasnost und Perestroika Ende der 1980er-Jahre in eine Krise geriet, kam es in den Gro√üst√§dten immer h√§ufiger zu Massenprotesten und Streiks. V. a. unter dem Druck der demokratischen Kr√§fte in Russland, die sich in der 1990 entstandenen Sammelbewegung ¬ĽDemokratisches Russland¬ę organisierten, verzichtete die KPdSU auf ihr Machtmonopol (Februar 1990). Konservative kommunistische Kr√§fte reagierten darauf mit der Gr√ľndung einer eigenen KP Russlands (Juni 1990) unter orthodoxer F√ľhrung. Angesichts des Verfalls der Zentralmacht erstarkten die radikalreformerischen Kr√§fte unter B. N. Jelzin, der 1988 von Gorbatschow aus seinen politischen Spitzen√§mtern entlassen worden war, aber mit seiner Wahl zum Vorsitzenden des Pr√§sidiums des Obersten Sowjets der RSFSR im Mai 1990 das h√∂chste russische Staatsamt erlangte.
 
¬†Russlands Weg zum neuen, eigenst√§ndigen Staat - Die ¬ĽRussische F√∂deration¬ę
 
Die ¬Ľ√Ąra¬ę Jelzin (1990-1999):
 
Am 12. 6. 1990 erkl√§rte Russland seine Souver√§nit√§t. Im Juni 1991 wurde Jelzin zum russischen Staatspr√§sidenten gew√§hlt. Im August 1991 stellte er sich an die Spitze des Widerstandes gegen den Putsch konservativer kommunistischer F√ľhrungskr√§fte. Nach dessen Scheitern wurde die T√§tigkeit von KPdSU und russischer KP verboten. Als der von Gorbatschow favorisierte neue Unionsvertrag zum Erhalt der UdSSR nach monatelangen Verhandlungen bis Ende 1991 nicht zustande kam, gr√ľndeten Russland und die beiden anderen slawischen Republiken, Wei√ürussland und Ukraine, am 8. 12. 1991 in Minsk die Gemeinschaft Unabh√§ngiger Staaten (GUS), der am 21. 12. 1991 (mit Ausnahme der baltischen Staaten und Georgiens, das erst 1993 Mitglied wurde) auch die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken beitraten. Am 25. 12. 1991 benannte sich die RSFSR in ¬ĽRussische (Russl√§ndische) F√∂deration¬ę um. Im Rahmen der von Jelzin verfolgten radikalen Wirtschaftsreform erfolgte im Januar 1992 eine von Bev√∂lkerungsprotesten begleitete allgemeine Preisfreigabe.
 
Am 31. 3. 1992 wurde der neue F√∂derationsvertrag unterzeichnet, der die Beziehungen zwischen der Moskauer Regierung und den autonomen Gebieten und Republiken der Russischen F√∂deration regelte. Tatarstan und die Republik der Tschetschenen und Inguschen traten dem Abkommen nicht bei. Nachdem Tschetschenien bereits 1991 einseitig seine Unabh√§ngigkeit proklamiert hatte, wurde auf Beschluss des russischen Parlaments 1992 die Republik Inguschetien innerhalb der Russischen F√∂deration gebildet. Im Dezember 1994 intervenierte Russland milit√§risch in Tschetschenien, um die Sezessionsbestrebungen der nordkaukasischen Republik zu unterbinden; die blutigen, auf beiden Seiten verlustreichen K√§mpfe (fast v√∂llige Zerst√∂rung von Grosnyj, auch hohe Verluste unter der Zivilbev√∂lkerung, brutale Geiselnahmen durch tschetschenische Freisch√§rler) spalteten die russische √Ėffentlichkeit und f√ľhrten zu internationaler Kritik. Erst im August 1996 gelang der Abschluss eines Waffenstillstandes und sp√§ter eines Friedensplanes (im Januar 1997 Abzug der letzten russischen Truppen). Territorialstreitigkeiten zwischen den Republiken Inguschetien und Nordossetien l√∂sten zwischen beiden 1992 (erneut 1997) einen blutigen Konflikt aus; die Eigenst√§ndigkeitsbestrebungen der V√∂lker Kaukasiens (im russischen wie auch georgischen Teil) lie√üen diese Region zu einem Krisenherd werden.
 
Im April 1992 beschloss der Kongress der Volksdeputierten als neuen Staatsnamen ¬ĽRussische F√∂deration - Russland¬ę. Der mit gro√üen Vollmachten ausgestattete Pr√§sident Jelzin gab das Amt des Ministerpr√§sidenten im Juni 1992 an den Wirtschaftsreformer und bisherigen Finanzminister J. Gajdar ab, der das Land einer marktwirtschaftlichen Schocktherapie unterzog, was aber die sozialen Spannungen versch√§rfte, ohne den wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen. Im Januar 1993 unterzeichneten die USA und Russland den Vertrag √ľber die Verringerung der strategischen Atomwaffen (START II). Vor dem Hintergrund der sich rapide verschlechternden Wirtschaftslage stie√ü der von Jelzin radikal betriebene Reformkurs seit 1992 zunehmend auf den Widerstand altkommunistischer und nationalistischer Kr√§fte, die im Obersten Sowjet und dem Kongress der Volksdeputierten √ľber die Mehrheit verf√ľgten. Ein Teil von ihnen formierte sich im Oktober 1992 in der offen gegen Jelzin auftretenden ¬ĽFront der Nationalen Rettung¬ę, die dieser daraufhin verbot (Februar 1993 durch das Verfassungsgericht aufgehoben). Diese politische Auseinandersetzung wurde ideologisch √ľberlagert durch den alten, nunmehr wieder aufgebrochenen Gegensatz zwischen Westlern und Slawophilen. Im Dezember 1992 musste Jelzin unter dem Druck des Volksdeputiertenkongresses Ministerpr√§sident Gajdar entlassen; sein Nachfolger wurde W. S. Tschernomyrdin, der die Wirtschaftsreformen in stark modifizierter Form (u. a. neue Preisregulierungen) fortsetzte. Im M√§rz 1993 eskalierte der Machtkampf zwischen Jelzin einerseits und dem von R. Chasbulatow gef√ľhrten Parlament sowie Vizepr√§sident A. Ruzkoj andererseits zu einer schweren Staats- und Verfassungskrise. Nachdem der Kongress der Volksdeputierten alle Vermittlungsvorschl√§ge Jelzins abgelehnt und sich auch gegen dessen Plan einer Volksabstimmung √ľber Staatspr√§sident und Parlament ausgesprochen hatte, verk√ľndete Jelzin am 20. 3. 1993 die zeitlich begrenzte Einf√ľhrung der Pr√§sidentenherrschaft und setzte ein Referendum an. Es erbrachte am 25. 4. 1993 ein Vertrauensvotum f√ľr Jelzin (rd. 58 % der Wahlbeteiligten) und eine knappe Bef√ľrwortung seiner Wirtschaftspolitik (rd. 53 %). Die Auseinandersetzung zwischen Parlament und Pr√§sident war begleitet von einer sich drastisch versch√§rfenden Wirtschaftskrise und einem wachsenden Streben der neben den Republiken der F√∂deration bestehenden Regionen nach mehr Eigenst√§ndigkeit. Die von Jelzin am 21. 9. 1993 verf√ľgte Aufl√∂sung des Obersten Sowjets und des Kongresses der Volksdeputierten stie√ü auf den offenen Widerstand zahlreicher Abgeordneter, die sich im Parlamentsgeb√§ude (¬ĽWei√ües Haus¬ę) verschanzten und im Gegenzug Ruzkoj zum ¬Ľamtierenden Pr√§sidenten¬ę ernannten. Ein bewaffneter Aufstand v. a. nationalistischer und kommunistischer Kr√§fte am 3./4. 10. 1993 in Moskau wurde von Eliteeinheiten der Armee niedergeschlagen (Erst√ľrmung des ¬ĽWei√üen Hauses¬ę, Verhaftung von Chasbulatow und Ruzkoj, 1994 Amnestierung der Putschisten). Jelzin verh√§ngte nach den blutigen Unruhen (√ľber 100 Tote) einen 14-t√§gigen Ausnahmezustand √ľber Moskau. Bei den Parlamentswahlen am 12. 12. 1993 erzielte die von dem Rechtsextremisten W. Schirinowskij gef√ľhrte radikalnationalistische Liberaldemokratische Partei einen sehr hohen Stimmenanteil. St√§rkste Fraktion in der Staatsduma wurde das reformorientierte B√ľndnis ¬ĽRusslands Wahl¬ę, sah sich dort aber mit einem einflussreichen nationalistischen und kommunistischen Fl√ľgel konfrontiert. Der von Ministerpr√§sident Tschernomyrdin im Januar 1994 neu gebildeten Regierung geh√∂rten die meisten Radikalreformer nicht mehr an.
 
Bei den Wahlen zur Duma am 17. 12. 1995 gelang es nur 4 von 43 zugelassenen Parteien, die F√ľnfprozenth√ľrde des Wahlgesetzes zu √ľberwinden. Die (1993 konstituierte) Kommunistische Partei der Russischen F√∂deration (KPRF) unter G. Sjuganow wurde st√§rkste Partei (22,3 % der Stimmen und 157 Sitze) vor der Liberaldemokratischen Partei (11,1 %; 55), der von Tschernomyrdin gef√ľhrten Gruppe ¬ĽUnser Haus - Russland¬ę (9,9 %; 51) und dem Reformblock ¬ĽJabloko¬ę (6,9 %; 45). ¬ĽRusslands Wahl¬ę verfehlte knapp den Einzug ins Parlament, errang aber neun Direktmandate; die Agrarpartei kam auf 20 Sitze. Bei den Pr√§sidentschaftswahlen im Juni/Juli 1996 setzte sich Jelzin mit 53,7 % (im 2. Wahlgang) vor Sjuganow, dem kommunistischen Kandidaten, durch, was ihm durch ein Zweckb√ľndnis mit dem Drittplatzierten des 1. Wahlgangs, dem popul√§ren Exgeneral A. I. Lebed gelang, den er anschlie√üend f√ľr kurze Zeit zum Sekret√§r des Sicherheitsrates und Sicherheitsberater ernannte (nach dessen entscheidender Rolle bei der Beendigung des Tschetschenienkrieges Entlassung im Oktober 1996). Der anhaltende Machtkampf zwischen Pr√§sident Jelzin und dem von kommunistisch-nationalistischen Kr√§ften dominierten Parlament √§u√üerte sich u. a. in wiederholten Versuchen der Staatsduma, gegen Jelzin ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten (zuletzt im Mai 1999).
 
Die gesellschaftliche Situation Russlands spitzte sich st√§ndig weiter zu. Neben einer betr√§chtlichen Schattenwirtschaft nahmen auch Korruption, hohe (v. a. organisierte) Kriminalit√§t sowie soziale Deklassierung und Verarmung breiter Bev√∂lkerungsschichten ein bedrohliches Ausma√ü an. Lohnzahlungsr√ľckst√§nde der Regierung f√ľhrten in den 90er-Jahren immer wieder zu landesweiten Streiks und Protesten (z. B. Blockade wichtiger Eisenbahnlinien) und diese wiederum zu einer Versch√§rfung der ohnehin angespannten Wirtschaftslage. Angesichts der zunehmenden Finanznot der Regierung verschlechterte sich auch (v. a. nach Abschluss des R√ľckzugs der russischen Truppen aus den fr√ľheren Stationierungsl√§ndern in Mittel- und Osteuropa sowie aus verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken) der Zustand der Streitkr√§fte (Sinken von Ansehen und Moral durch mangelhafte Versorgung und Ausr√ľstung, Soldr√ľckst√§nde, Verwicklung hochrangiger Armeeangeh√∂riger in Korruptionsaff√§ren, zahlreiche Zwischenf√§lle). Extremistische Str√∂mungen gewannen innenpolitisch zunehmend an Gewicht; Anschl√§ge gegen demokratische Politiker, aber ebenso gegen Journalisten und Gesch√§ftsleute mehrten sich. Im Zuge der sich versch√§rfenden Situation erhielt auch der aus dem KGB √ľber mehrere Umstrukturierungen und Umbenennungen hervorgegangene russische Geheimdienst (seit 1995 ¬ĽF√∂deraler Sicherheitsdienst¬ę, Abk√ľrzung FSB) immer weitreichendere Befugnisse.
 
Angesichts einer neuen Finanzkrise im Fr√ľhjahr 1998 sah sich Russland vor der dringenden Aufgabe einer Sanierung des defizit√§ren Staatshaushalts und einer Weiterf√ľhrung der fast v√∂llig ins Stocken geratenen Wirtschaftsreformen; insbesondere die russische Finanzpolitik geriet immer st√§rker in die Abh√§ngigkeit internationaler Kreditgeber (u. a. IWF und Weltbank). Nach wiederholten Umbildungen des Kabinetts, in das mehrere junge Reformpolitiker (u. a. Boris Nemzow, * 1959; Anatolij Tschubajs, * 1955) aufgenommen wurden, entlie√ü Jelzin im M√§rz 1998 die Regierung Tschernomyrdin und nominierte den bisherigen Energieminister Sergej Kirijenko (* 1962) zum Ministerpr√§sidenten (erst in dritter Abstimmung durch die Staatsduma im April 1998 best√§tigt). Kirijenko, der im Juni 1998 ein rigoroses Antikrisenprogramm vorlegte, aber bei der Staatsduma mit geplanten Steuergesetzen zur Deckung der Haushaltsl√ľcken auf Ablehnung stie√ü, verlor sein Amt bereits im August 1998. Zu seinem Nachfolger wurde der vorherige Au√üenminister J. M. Primakow im September 1998 von der Staatsduma gew√§hlt; er konnte zwar eine zeitweilige innenpolitische Beruhigung, aber in seiner kurzen Amtszeit keine Besserung der wirtschaftlichen Lage erreichen, woraufhin Jelzin ihn im Mai 1999 ebenfalls entlie√ü und den bisherigen Innenminister S. W. Stepaschin als Regierungschef einsetzte.
 
Au√üenpolitisch trat Russland mit dem Anspruch einer Ordnungsmacht im ¬Ľnahen Ausland¬ę auf und lie√ü auch gro√ümachtpolitische Ambitionen (in Anlehnung an die fr√ľhere Weltmachtrolle der UdSSR) erkennen. Von den Mitgliedern der GUS wurde Russland im Dezember 1991 der Sitz der fr√ľheren Sowjetunion in der UNO und in deren Sicherheitsrat zugesprochen. Der Versuch Russlands, sich in der GUS als F√ľhrungskraft zu etablieren, stie√ü besonders auf den Widerstand der Ukraine, mit der es zu einem Streit um die Schwarzmeerflotte sowie um die Krim kam; erst Ende Mai 1997 schlossen Russland und die Ukraine einen Grundlagenvertrag. Da der von Russland dominierte Reintegrationsprozess gro√üer Teile des ehemaligen Unionsterritoriums im Rahmen der GUS hinter den russischen Erwartungen zur√ľckblieb, versuchte Russland √ľber Vertr√§ge, besonders auf wirtschafts- und milit√§rpolitischem Gebiet, mit einzelnen oder Gruppen von Nachfolgestaaten der Sowjetunion seine Beziehungen zu diesen L√§ndern neu zu gestalten. So vereinbarten am 29. 3. 1996 Russland und Wei√ürussland mit Kasachstan und Kirgistan die Gr√ľndung einer ¬ĽGemeinschaft Integrierter Staaten¬ę. Am 2. 4. 1996 begr√ľndeten Russland und Wei√ürussland eine ¬ĽGemeinschaft Souver√§ner Republiken¬ę mit dem in beiden L√§ndern nicht unumstrittenen Ziel der Schaffung eines ¬Ľgemeinsamen Unionsstaates¬ę (Unterzeichnung von Unionsvertr√§gen am 2. 4. 1997 und am 8. 12. 1999).
 
Zu Spannungen mit den drei baltischen Republiken kam es aufgrund des nur z√∂gerlichen Abzugs der dort stationierten russischen Truppen und wegen der besonders in Estland sowie Lettland erlassenen Einb√ľrgerungs- beziehungsweise Ausl√§ndergesetze und Wahlrechtsbestimmungen, die mit Einschr√§nkungen f√ľr den dort lebenden russischen Bev√∂lkerungsteil verbunden waren. Die in verschiedenen Republiken der GUS stationierten russischen Truppen wurden zum Teil in milit√§rische Auseinandersetzungen dieser Staaten verwickelt (z. B. in die 1993 zeitweilig ausgebrochenen tadschikisch-afghanischen Grenzk√§mpfe).
 
1993 n√§herte sich Russland bei einem Staatsbesuch Jelzins Japan an; bei einem weiteren Treffen im November 1997 wurde die Absicht, einen russisch-japanischen Friedensvertrag bis zum Jahr 2000 abzuschlie√üen, betont, obwohl in dem die Beziehungen zwischen beiden Staaten belastenden Streit um die Kurilen auch bei Gespr√§chen im April 1998 keine Einigung erzielt werden konnte (erneute russische Ablehnung der von Japan geforderten R√ľckgabe von vier Inseln). In den weltweiten Beziehungen setzte Russland die unter Gorbatschow begr√ľndete Zusammenarbeit mit den westlichen Staaten fort, besonders auf den Gebieten der Abr√ľstung und des internationalen Krisenmanagements (Unterzeichnung des Vertrages √ľber die Verringerung der strategischen Atomwaffen, START II, 1993; Unterzeichnung der C-Waffen-Konvention 1997), betonte dabei jedoch in wachsendem Ma√üe seine Sonderinteressen. 1993 nahm Jelzin erstmals als Gast, 1997 zum ersten Mal als politisch gleichberechtigter Partner am Weltwirtschaftsgipfel der f√ľhrenden Industriestaaten (G 7) teil. Im Juni 1994 unterzeichnete er ein Abkommen mit der EU √ľber Partnerschaft und Zusammenarbeit. Mit dem Abzug der letzten russischen Truppen aus Deutschland endete am 31. 8. 1994 eine fast 50-j√§hrige Epoche russischer Milit√§rpr√§senz. 1996 wurde Russland Mitglied des Europarates. Im Juni 1994 trat es dem NATO-Programm ¬ĽPartnerschaft f√ľr den Frieden¬ę bei, ohne jedoch einen Sonderstatus durchsetzen zu k√∂nnen. Unterst√ľtzt von der russischen √Ėffentlichkeit, wandte sich die Regierung immer st√§rker gegen die Osterweiterung der NATO, stellte aber im Juli 1997 mit einer ¬ĽGrundlagenakte¬ę die Beziehungen Russlands zur NATO auf eine vertragliche Basis. Bereits im Mai desselben Jahres hatte Russland aber auch eine neue Sicherheitsdoktrin verabschiedet, die (nach einseitigem Verzicht der UdSSR auf den Ersteinsatz von Atomwaffen 1982) erneut die M√∂glichkeit eines atomaren Erstschlags vorsah. Vor dem Hintergrund der NATO-Osterweiterung in Europa intensivierte Russland besonders seine Beziehungen zur Volksrepublik China (u. a. 1993 Abkommen √ľber milit√§rische Zusammenarbeit, 1997 Unterzeichnung einer Erkl√§rung √ľber die Demarkation der russisch-chinesischen Grenze, 1999 bei einem Staatsbesuch Jelzins in Peking weitere Abkommen). Im Kosovokonflikt, in dem Russland zun√§chst die Haltung vertrat, er sei eine innere Angelegenheit Serbiens, bem√ľhte es sich nach Beginn der NATO-Milit√§raktion gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im M√§rz 1999 um Konfliktvermittlung (Wirken W. S. Tschernomyrdins als Sonderbeauftragter). Nach Annahme des internationalen Friedensplans durch Jugoslawien (Juni 1999) und Ausr√§umung von Differenzen Russlands mit der NATO (Juli 1999) beteiligten sich auch russische Einheiten an der internationalen Friedenstruppe (KFOR).
 
Im August 1999 wurde S. W. Stepaschin durch den vormaligen Leiter des Inlandsgeheimdienstes W. W. Putin als Ministerpr√§sident abgel√∂st. Dieser sah sich einerseits konfrontiert mit einer internationales Aufsehen erregenden, bis in die h√∂chsten Regierungskreise reichenden Korruptionsaff√§re und andererseits mit den sich zuspitzenden, von einem Verfall staatlicher Autorit√§t begleiteten innen- und wirtschaftspolitischen Problemen. Der Konflikt mit Tschetschenien brach wieder auf, als tschetschenische muslimische Rebellen im Sommer 1999 in Dagestan einen islamischen Staat ausriefen und es zu K√§mpfen mit russischen Soldaten kam. Blutige Sprengstoffanschl√§ge gegen Wohnh√§user in Moskau u. a. russischen Gro√üst√§dten, die tschetschenischen Terroristen zugeschrieben wurden, lieferten den Anlass f√ľr eine am 30. 9./1. 10. 1999 begonnene neue Milit√§raktion gegen die abtr√ľnnige Republik, die nach verlustreichen K√§mpfen (verbunden mit einer Fl√ľchtlingswelle in die Nachbarregionen, besonders nach Inguschetien) bis zum Fr√ľhjahr 2000 gr√∂√ütenteils von russischen Truppen besetzt wurde; diese sahen sich aber weiterhin mit heftigen Partisanenk√§mpfen v. a. im S√ľden Tschetscheniens konfrontiert, das im Juni 2000 unter Direktverwaltung des russischen Pr√§sidenten gestellt wurde. Die brutale Kriegf√ľhrung in Tschetschenien stie√ü zwar auf internationale Kritik (im April 2000 Entzug des Stimmrechts f√ľr die russische Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats), von wirksamen Sanktionen gegen Russland wurde aber abgesehen.
 
Bei den Parlamentswahlen am 19. 12. 1999 wurde zwar die KPRF mit 24,3 % der Stimmen erneut die st√§rkste politische Partei; eigentlicher Wahlgewinner war aber der neu formierte regierungsnahe Block (v. a. die Bewegung ¬ĽEinheit¬ę mit 23,3 % und die reformorientierte Union rechter Kr√§fte mit 8,5 % der Stimmen). Der Block Schirinowskij vereinte 6 % der Stimmen auf sich. Die zuvor zweitst√§rkste Dumafraktion, Unser Haus - Russland, scheiterte an der 5 %-H√ľrde und konnte nur wenige Direktmandate erhalten.
 
Russland unter Präsident Putin:
 
Nach dem √ľberraschenden R√ľcktritt Jelzins am 31. 12. 1999 √ľbernahm Putin auch die Funktion des amtierenden Staatspr√§sidenten; per Dekret garantierte er seinem Amtsvorg√§nger und dessen in eine Korruptionsaff√§re verwickelter Familie lebenslangen Schutz vor Strafverfolgung. Als innen- und wirtschaftspolitischer Hoffnungstr√§ger, nicht zuletzt wegen seines (von einem Gro√üteil der russischen Bev√∂lkerung zun√§chst akzeptierten) harten Vorgehens im Konflikt mit Tschetschenien, konnte Putin die Pr√§sidentschaftswahlen am 26. 3. 2000 bereits im ersten Wahlgang gewinnen (mit 52,5 % der Stimmen vor dem Zweitplatzierten G. Sjuganow, der rd. 30 % der Stimmen erhielt). Bei seinem offiziellen Amtsantritt am 7. 5. 2000 gab Putin die Funktion des Ministerpr√§sidenten ab, in der ihm der bisherige Finanzminister M. Kasjanow folgte (Best√§tigung durch die Staatsduma am 17. 5. 2000). Putin leitete rasch einen Prozess der St√§rkung der staatlichen Zentralgewalt ein und k√ľndigte weitere innen- und wirtschaftspolitische Konsolidierungsma√ünahmen an. So verf√ľgte er im Mai 2000 eine Verwaltungsreform zur Bildung von sieben, durch bevollm√§chtigte Vertreter des Pr√§sidenten verwaltete Gro√üregionen (¬Ľf√∂derale Kreise¬ę), die den Milit√§rbezirken entsprechen und damit wieder mehr unter Kontrolle der Moskauer Administration stehen (im August 2000 Inkraftsetzung eines weiteren Gesetzes zur Neuformierung des F√∂derationsrates). Mit dem Ziel, eine ¬ĽPartei der Macht¬ę zu sein, wandelte sich Ende Mai 2000 die Putin unterst√ľtzende und durch die Aufnahme weiterer kleinerer Organisationen gest√§rkte politische Bewegung ¬ĽEinheit¬ę offiziell in eine Partei um. Angesichts des langen und opferreichen zweiten Tschetschenienkrieges (von offiziellen russischen Stellen nur als ¬ĽAntiterroraktion¬ę bezeichnet), aber auch aufgrund der unsensiblen und nicht zuletzt gegen√ľber dem Ausland hilflos wirkenden Reaktion auf das Ungl√ľck des russischen Atom-U-Bootes ¬ĽKursk¬ę, das am 12. 8. 2000 w√§hrend eines Marineman√∂vers (durch die Explosion eines an Bord befindlichen Torpedos) mit 118 Mann Besatzung in der Barentssee sank, sowie wegen eines neuerlichen blutigen Sprengstoffanschlags im Zentrum Moskaus (8. 8. 2000) kam in Armeekreisen wie auch in breiten Teilen der Bev√∂lkerung vor√ľbergehend Kritik an Pr√§sident Putin auf. Schon kurz nach seinem Amtsantritt lie√ü dieser gem√§√ü der von ihm proklamierten ¬ĽDiktatur des Rechts¬ę die staatlichen Beh√∂rden gegen Steuerhinterziehung, Unterschlagung und andere Vergehen von Gro√üunternehmen vorgehen, inbesondere gegen die unter zweifelhaften Umst√§nden zu Reichtum gelangten und bisher politisch einflussreichen Wirtschaftsoligarchen und Medienunternehmer; dabei nahm man zugleich die regierungskritischen Medien sukzessive unter Staatskontrolle. Innenpolitische Kontroversen l√∂ste die auf Betreiben Putins erfolgte Wiedereinf√ľhrung der alten Sowjethymne aus, die durch einen Beschluss des russischen Parlaments im Dezember 2000 zusammen mit der schon verwendeten rot-wei√ü-blauen Trikolore und dem doppelk√∂pfigen Adler als Staatssymbol best√§tigt wurde. Das im Mai 2001 verabschiedete neue Parteiengesetz bezweckte durch hohe Anforderungen eine erhebliche Reduzierung der zahlreichen politischen Gruppierungen in Russland (Anerkennung als Partei und Zulassung zu Wahlen erst bei einer Mitgliederzahl ab 10 000 und einer Registrierung in mindestens der H√§lfte der 89 F√∂derationssubjekte). Durch eine F√ľlle von Gesetzesinitiativen suchte Putin sein politisches Modell von einer ¬Ľlenkbaren Demokratie¬ę durchzusetzen; nicht zuletzt die russische Wirtschaft (2001 Wachstum von rd. 5,5 %) profitierte von einer gr√∂√üer gewordenen Rechtssicherheit, die auch ausl√§ndische Investoren st√§rker anzog. Im Oktober 2001 trat nach jahrelanger Kontroverse ein umstrittenes Bodengesetz zur Legalisierung von privatem Grund und Boden in Kraft. Im Juli 2002 unterzeichnete Pr√§sident Putin schlie√ülich ein im Vormonat vom Parlament verabschiedetes Gesetz, das auch den Verkauf von Ackerland (allerdings nicht an Ausl√§nder) gestattet.
 
Au√üen- und sicherheitspolitisch bedeutsam war die Ratifizierung des START-II-Vertrages durch Russland (Billigung durch Staatsduma und F√∂derationsrat im April 2000). Im Oktober 2000 vereinbarte Russland mit Indien eine ¬Ľstrategische Partnerschaft¬ę einschlie√ülich eines Ausbaus der milit√§risch-technischen Zusammenarbeit (R√ľstungsvertr√§ge), auch mit Iran wurde im M√§rz 2001 ein neues Kooperationsabkommen (insbesondere f√ľr den R√ľstungssektor) geschlossen. Die Volksrepublik China und Russland unterzeichneten im Juli 2001 einen Vertrag √ľber gutnachbarliche Beziehungen, Freundschaft und Zusammenarbeit mit einer Laufzeit von 20 Jahren. Die von Russland sofort nach den Terroranschl√§gen in den USA (11. 9. 2001) angebotene Zusammenarbeit im Rahmen einer Antiterrorallianz besserte das russisch-amerikanische Verh√§ltnis zun√§chst deutlich. So kam Putin bei einem Staatsbesuch in den USA im November 2001 mit dem amerikanischen Pr√§sidenten G. W. Bush √ľberein, die Atomwaffen beider L√§nder binnen zehn Jahren um etwa zwei Drittel zu verringern. Auch nutzte Russland das hinzugewonnene internationale Renommee, um die russische Milit√§rintervention in Tschetschenien (in fragw√ľrdiger Weise) gleichzusetzen mit dem Antiterrorkrieg in Afghanistan, den es u. a. mit Waffenlieferungen an die afghanische Nordallianz und durch seine Bef√ľrwortung der zeitweiligen Stationierung von US-Einheiten in den mittelasiatischen GUS-Republiken unterst√ľtzte. In Afghanistan √∂ffnete Russland nach dem Sturz der Taliban als erster Staat am 30. 11. 2001 wieder seine Botschaft. Zu einer neuerlichen Verstimmung im russisch-amerikanischen Verh√§ltnis f√ľhrte am 13. 12. 2001 die einseitige K√ľndigung des ABM-Vertrages durch die USA zur Umsetzung ihrer von Russland kritisierten Pl√§ne einer Raketenabwehr (in Reaktion auf das Ende des Abkommens erkl√§rte die russische Seite im Juni 2002 den START-II-Vertrag f√ľr hinf√§llig). Bei einem Staatsbesuch in Polen suchte der russische Pr√§sident Putin im Januar 2002 das zwischenstaatliche Verh√§ltnis, das sich v. a. nach dem polnischen NATO-Beitritt 1999 abgek√ľhlt hatte, wieder zu verbessern.
 
Zur Effektivierung der Zusammenarbeit schlug die NATO im Dezember 2001 Russland die Mitgliedschaft in einem ¬ĽRat der Zwanzig¬ę (19 NATO-Staaten und Russland) vor; Russland und f√ľnf weitere GUS-Republiken (Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Wei√ürussland) k√ľndigten daraufhin Mitte Mai 2002 die Gr√ľndung eines zur Kooperation mit der NATO bereiten Milit√§rb√ľndnisses an (Planung als Bestandteil eines neuen globalen Sicherheitssystems). Die fortschreitende Ann√§herung Russlands an den Westen f√ľhrte aber auch zu Problemen im Verh√§ltnis zu Wei√ürussland, dessen autorit√§re F√ľhrung und internationale Isolierung zunehmend den russischen Interessen entgegenstanden (beiderseitige Kritik im Juni 2002 √ľber den Umgang in der miteinander vereinbarten Union).
 
Ungeachtet einzelner Meinungsunterschiede (z. B. in Bezug auf Iran und die NATO-Osterweiterung) verst√§ndigten sich Putin und der zu einem Staatsbesuch nach Russland gekommene amerikanische Pr√§sident Bush im Mai 2002 auf eine ¬Ľstrategische Partnerschaft¬ę und unterzeichneten am 24. 5. 2002 in Moskau den bereits im November 2001 vereinbarten Atomwaffenabr√ľstungsvertrag. Eine neue Qualit√§t in der Beziehung zwischen NATO und Russland √§u√üerte sich u. a. in der Er√∂ffnung einer Milit√§rverbindungsmission des nordatlantischen B√ľndnisses in Moskau im Mai 2002 und der Neukonstituierung eines NATO-Russland-Rates am 28. 5. 2002 in Italien, in dem Russland ¬Ľals gleichberechtigtem Partner¬ę ein Mitspracherecht in wichtigen internationalen Fragen (insbesondere bei der Terrorismusbek√§mpfung, Abr√ľstung und Regelung regionaler Krisen) zugebilligt wurde. Beim EU-Russland-Treffen am 29. 5. 2002 in Moskau stellte EU-Kommissionspr√§sident R. Prodi Russland angesichts seiner Reformpolitik die (als wichtige Voraussetzung f√ľr eine WTO-Aufnahme geltende) Anerkennung als ¬ĽMarktwirtschaft¬ę in Aussicht. Auf dem Weltwirtschaftsgipfel Ende Juni 2002 wurde beschlossen, Russland von 2006 an den Status eines gleichberechtigten Mitglieds der G 8 zuzuerkennen (verbunden mit der erstmaligen √úbernahme des Vorsitzes).
 
 
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¬†I. I. LjapuŇ°kin: Slavjane Vostońćnoj Evropy nakanune obrazovanija Drevnerusskogo gosudarstva (Leningrad 1968);
¬†Z. V√°Ňąa: Einf. in die Fr√ľhgesch. der Slawen (1970);
 
Wikinger u. Slawen. Zur Fr√ľhgesch. der Ostseev√∂lker, Beitrr. v. J. Herrmann u. a. (Neuausg. 1982);
 
Welt der Slawen. Gesch., Gesellschaft, Kultur, hg. v. J. Herrmann: (1986);
¬†C. Goehrke: Fr√ľhzeit des Ostslawentums (1992).
 
Das Kiewer Reich: H. Paszkiewicz: The making of the Russian nation (a. d. Poln., London 1963);
 I. J. Frojanov: Kievskaja Rus' (Leningrad 1980);
 E. Donnert: Das Kiewer Rußland. Kultur u. Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jh. (Leipzig 1983).
 
Die Zeit der Teilf√ľrstent√ľmer: J. L. Fennell: The emergence of Moscow, 1304-1359 (Berkeley, Calif., 1968);
 K. Onasch: Großnowgorod u. das Reich der hl. Sophia (Leipzig 1969);
¬†B. A. Rybakov: Kievskaja Rus' i russkie knjaŇĺestva XII-XIII vv. (Moskau 1982);
¬†V. A. Kuńćkin: Formirovanie territorii Severno-Vostońćnoj Rusi v X-XIV vv. (ebd. 1984).
 
Die Mongolenherrschaft: B. Spuler: Die Goldene Horde. Die Mongolen in Rußland 1223-1502 (21965);
 G. A. Fedorow-Dawydow: Die Goldene Horde u. ihre Vorgänger (a. d. Russ., Leipzig 1972);
 J. L. Fennell: The crisis of medieval Russia, 1200-1304 (London 1983);
 C. J. Halperin: Russia and the Golden Horde (Bloomington, Ind., 1985).
 
Das Moskauer Reich: E. Donnert: Rußland an der Schwelle der Neuzeit. Der Moskauer Staat im 16. Jh. (Berlin-Ost 1972);
 H.-J. Torke: Die staatsbedingte Gesellschaft im Moskauer Reich (Leiden 1974);
 P. Dukes: The making of Russian absolutism, 1613-1801 (London 1982);
 H. Paszkiewicz: The rise of Moscow's power (a. d. Poln., New York, 1983);
 R. O. Crummey: The formation of Muscovy, 1304-1613 (London 1987).
 
Die Petersburger Periode: D. Geyer: Der russ. Imperialismus. Studien √ľber den Zusammenhang von innerer u. ausw√§rtiger Politik 1860-1914 (1977);
 L. Kochan u. R. Abraham: The making of modern Russia (New York 21983);
 H. Rogger: Russia in the age of modernisation and revolution, 1881-1917 (London 1983);
 E. Donnert: Rußland im Zeitalter der Aufklärung (Neuausg. Wien 1984);
 M. Raeff: Understanding imperial Russia. State and society in the old regime (a. d. Frz., New York 1984);
 J. N. Westwood: Endurance and endeavour. Russian history, 1812-1986 (Oxford 31987);
 P. Hoffmann: Rußland im Zeitalter des Absolutismus (Vaduz 1988);
 M. McCauley u. P. Waldron: The emergence of the modern Russian state, 1855-81 (Basingstoke 1988);
¬†A. J. Avrech: Carizm nakanune sverŇĺenija (Moskau 1989).
 
Darstellungen einzelner Sachbereiche: G. von Rauch: Rußland. Staatl. Einheit u. nat. Vielfalt (1953);
 H. Neubauer: Car u. Selbstherrscher. Beitrr. zur Gesch. der Autokratie in Rußland (1964);
 A. Vucinich: Science in Russian culture, 2 Bde. (Stanford, Calif., 1965-70);
 J. H. Billington: The icon and the axe. An interpretive history of Russian culture (New York 1966);
 G. P. Fedotov: The Russian religious mind, 2 Bde. (Cambridge, Mass., 21966);
 S. V. Utechin: Gesch. der polit. Ideen in Rußland (a. d. Engl., 1966);
 F. Venturi: Roots of revolution. A history of the populist und socialist movements in 19th-century Russia (a. d. Ital., Neuausg. New York 1966);
 J. Blum: Lord and peasant in Russia. From the 9th to the 19th century (Princeton, N. J., 21972);
 
Wirtschaft u. Gesellschaft im vorrevolutionären Rußland, hg. v. D. Geyer (1975);
 E. Hösch: Die Kultur der Ostslaven (1977);
 R. P. Bartlett: Human capital. The settlement of foreigners in Russia 1762-1804 (Cambridge 1979);
 D. H. Kaiser: The growth of the law in medieval Russia (Princeton, N. J., 1980);
 
Russian officialdom. The bureaucratization of Russian society from the 17th to the 20th century, hg. v. W. M. Pintner (London 1980);
 A. Kappeler: Rußlands erste Nationalitäten. Das Zarenreich u. die Völker der mittleren Wolga vom 16. bis 19. Jh. (1981);
 W. L. Blackwell: The industrialization of Russia. An historical perspective (Arlington Heights, Ill., 21982);
 V. E. Bonnell: Roots of rebellion. Workers' politics and organizations in St. Petersburg and Moscow 1900-1904 (Berkeley, Calif., 1983);
¬†M. Hildermeier: B√ľrgertum u. Stadt in Ru√üland 1760-1870 (1986);
 K. Heller: Russ. Wirtschafts- u. Sozialgesch., auf 2 Bde. ber. (1987 ff.);
 
Die Russen. Ihr Nationalbewußtsein in Gesch. u. Gegenwart, hg. v. A. Kappeler (1990);
¬†A. Kappeler: Ru√üland als Vielv√∂lkerreich. Entstehung, Gesch., Zerfall (M√ľnchen 21993);
 M. Mommsen: Wohin treibt Rußland. Eine Großmacht zw. Anarchie u. Demokratie (1996).
 
Weitere Literatur: Sowjetunion.
II
RuŐ£ssland,
 
auf den Begriff Rus zur√ľckgehender Name (russisch Rossija) f√ľr das (bis 1917 bestehende) Russische Reich als Ganzes, seit dem 16. /17. Jahrhundert gebr√§uchlich f√ľr die vom Moskauer Staat beherrschten (in wachsendem Ma√üe auch nichtrussische) Gebiete, seit Beginn des 18. Jahrhunderts offiziell f√ľr das russische Zarenreich (seit 1721 Kaiserreich); im engeren Sinn nur Bezeichnung f√ľr Gebiete mit traditionell russischer Sprache und Kultur (Gro√ürussland); auch Kurzbezeichnung f√ľr die 1918 gegr√ľndete Russische Sozialistische F√∂derative Sowjetrepublik (RSFSR) sowie f√ľr die aus ihr hervorgegangene Russische (Russl√§ndische) F√∂deration; umgangssprachlich (unkorrekt) mitunter f√ľr die Sowjetunion verwendet.

* * *

RuŐ£ss|land; -s: 1. a) (hist.) Russisches Reich; b) Russische F√∂deration. 2. nicht amtliche Bez. f√ľr die Gebiete der ehem. UdSSR mit traditionell russischer Sprache u. Kultur. 3. (ugs. fr√ľher) UdSSR.

Universal-Lexikon. 2012.

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